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Landeskirche

Predigt zur Frühjahrstagung am Sonntag Jubilate, 25. April 2010 im Kreuzgymnasium Dresden

Zutrauen - Vertrauen - Bilden

Predigttext: „Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, dass einiges auf den Weg fiel; da kamen die Vögel und fraßen's auf. Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging alsbald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und einiges fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten's, und es brachte keine Frucht. Und einiges fiel auf gutes Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Markus 4, 1-9)

Liebe Gemeinde,

„der bringt es einfach nicht, den kannst du vergessen“ – schon einmal gehört? Oder vielleicht selbst schon einmal so geredet?

Gar nicht so selten wird so oder so ähnlich geurteilt. Die Neigung, Menschen abzuwerten, ihnen keine Perspektive zuzutrauen, ist weit verbreitet. Man macht sich ein Bild von einem Mitmenschen, es entsteht vor dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen – und wenn sie nicht erfreulich sind, wenn es zu Enttäuschungen gekommen ist, wenn der andere nicht so getan hat, wie er hätte tun sollen, dann fällen wir ein Urteil: gewogen und für zu leicht befunden. Das ist der Anfang vom Ende einer Beziehung, man verliert das Interesse, erwartet nichts mehr. Bis zur Trennung ist der Weg dann nur noch kurz.

„Die kannst du vergessen“, „die bringt es einfach nicht“ – es ist das eine zutiefst traurige Redensart, denn sie  schließt die Geschichte ab, die zwei Menschen miteinander hatten und vor allem: Sie macht die Geschichte unmöglich, die sie miteinander hätten haben können – wenn sie nur bereit gewesen wären, auf ein schnell und leicht dahin gesprochenes Urteil zu verzichten, wenn sie beieinander geblieben wären. Ein solches Ende einer Beziehung ist für beide traurig, denn beiden entgehen Erfahrungen, die ihr Leben hätten reicher machen können, sie bringen sich um Möglichkeiten, ohne sie gekannt zu haben. Oft, sehr oft, ist das schnelle Urteil über einen Mitmenschen falsch, und dann schaden wir uns selbst, bringen uns um Erfahrungen, die unser Leben hätten schöner und reicher machen können.

Vor allem aber kann in der leichtfertigen Redeweise ein Verhängnis liegen für den, der so abgewertet wird. Denn wie soll ein Mensch seine Gaben entwickeln, wenn sie ihm von den anderen abgesprochen werden? Wenn sie nicht bereit sind, statt spöttisch auf seine Schwächen zu starren, auch seine Stärken in den Blick zu nehmen? Wenn sie seine Gaben nicht achten, ihm nichts Gutes, Hilfreiches zutrauen? Was wäre aus mir geworden, wenn nicht Menschen mir etwas zugetraut hätten?

Zutrauen ist eine Form des Vertrauens. Und nichts im Leben kann uns gelingen ohne Vertrauen. Menschen können Erstaunliches, Wunderbares geradezu bewirken, wenn sie einander Vertrauen schenken, sie können die größten Schwierigkeiten überwinden, die höchsten Ziele erreichen, sie können einander die Lasten des Lebens leicht machen – wenn sie durch das starke Band des Vertrauens miteinander verbunden sind. Fehlt es… wird es sehr schwierig, das Leben zu bestehen, und das gilt für die Gemeinschaften, denen wir angehören und auch für jeden Einzelnen. Vertrauen ist der Nährboden, auf dem das Leben wächst. Es ist immer wechselseitig: Ich vertraue dir, dass du es gut mit mir meinst, dass du mir helfen willst – ich weiß ja, dass ich alleine nicht bestehen kann, und wie sehr ich darauf angewiesen bin, dass du mir Vertrauen entgegenbringst.

Und ebenso vertraue ich dir. Einen Teil von mir lege ich in deine Hände. Denn du hast Gaben, die mir hilfreich sind; Begabungen, die mein Leben und unser Zusammenleben bereichern können, die Gemeinschaft stärken. Vertraue ich dir, so wird es möglich, dass deine Gaben auch die meinen werden.

Nein, ohne Vertrauen geht es nicht, niemand kommt allein durch sein Leben, jeder ist auf die anderen angewiesen, auf ihre Begabungen und Möglichkeiten.

Liebe Gemeinde,

die Redensart von dem Vergessen-können des Mitmenschen übersieht nicht nur die besonderen Gaben des anderen, sondern auch, dass Gott es ist, der uns die Gaben schenkt – und zwar jedem und jeder, ausnahmslos. Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht beschenkt hat mit Fähigkeiten und Talenten, mit ganz eigenen Möglichkeiten und Begabungen.

Das Gleichnis vom Sämann können wir als eine Veranschaulichung dieser Glaubenswahrheit lesen; und es erschließt sich ja auch uns modernen Menschen, die wir vielleicht noch nie einen Bauern gesehen haben, der wie in vergangenen Zeiten über sein Feld schreitet und mit der Hand aussät, aber die Botschaft ist doch klar: Die Saat wird ausgebracht in einer verschwenderischen Bewegung. Sie ist nicht auf Enge, sondern auf Weite angelegt, und darum trifft die Saat auf ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Sie sind sehr verschieden, vielfältig, und es ist ganz und gar keine Selbstverständlichkeit, dass die Saatkörner gute Bedingungen finden. Beileibe nicht alle treffen auf fruchtbaren Boden, es gibt felsigen Boden, der nur von einer allzu dünnen Schicht Humus bedeckt ist, es gibt Unkraut, das alle Saat unter sich erstickt; und es gibt die Vögel unter dem Himmel, die sich auch von einer aufgestellten Scheuche nicht erschrecken lassen.

Ja, Gott ist der Schöpfer des Lebens, auch deines und meines Lebens, und er beschenkt jeden Menschen mit einer Vielzahl von Begabungen und Talenten. Nicht alle Gaben liegen oben auf oder offen zu Tage; manche kann man nur entdecken, wenn man genau hinsieht, so verborgen sind sie; andere wird man erst entdecken können, wenn sie entwickelt worden sind und die erste Wachstumsphase erlebt haben. Manche Saat bedarf besonderer Pflege. Wer aber die Gaben seines Nächsten sucht, wird sie bestimmt finden. Unsere Gaben können und sollen entwickelt werden, sie sollen sich entfalten, damit sie blühen und reiche Frucht bringen. Das ist das Ziel, warum sie Gott uns gegeben hat. Er schenkt uns sein Vertrauen, er traut es uns zu, dass wir sie zu Wachstum bringen, so dass sie sich entfalten können, wie Blüten es tun.

Diesen Prozess des Wachsens eines Menschen und seiner Begabungen nennt man Bildung. Er umfasst die ganze Person, das Herz und ebenso den Kopf, Gemüt und Verstand und Körper. Gott vertraut darauf, dass wir alle seine Gaben, mit denen er uns segnet, entwickeln: die geistigen, die leiblichen, und die geistlich spirituellen. Er will, dass wir uns bilden. In dieser Glaubensüberzeugung ist unser Verständnis von der Erziehung der Kinder und Jugendlichen und in Zeiten des lebenslangen Lernens auch die Bildung der Erwachsenen, begründet.

Liebe Gemeinde,

die evangelische Bildungsidee wurzelt in der befreienden Wirkung des Wortes Gottes. Die Reformation war eine Besinnung auf Gottes Wort und auf die Gnadengaben, mit denen er uns segnet. Es lag ihr also ein Verständnis von Bildung zugrunde, das niemanden ausschließt – und darin lag ein revolutionärer Gedanke. Jeder, jede sollte lesen lernen! Das war damals unerhört, und bis heute sehen wir es wie Martin Luther so, dass jedem Menschen die Fähigkeit zur Entwicklung der eigenen Gaben des Geistes, des Körpers und des Herzens von Gott zugetraut wird, und selbstverständlich auch des Verstandes. Darum konnte die Kenntnis der Bibel kein exklusives Recht einiger weniger bleiben. Der Reformator hat sie in die Volkssprache übersetzt, damit jeder Mensch sich selbst durch die Lektüre der Heiligen Schrift die Möglichkeit eröffnen konnte, von den guten und heilsamen Taten Gottes zu erfahren; und darum hat er die politisch Verantwortlichen gedrängt, Volksschulen aufzubauen und zu unterhalten.

Sein Freund und Weggefährte Philipp Melanchthon – am vergangenen Montag haben wir seines 450. Todestags gedacht – hat das Ziel des Bildungsprozesses beschrieben und erklärt, was das erzieherische Handeln im evangelischen Sinne bewirken soll. Es geht darum, dass die Gaben eines Menschen entwickelt werden sollen, denn sie kommen ja von Gott, sie sind sein Geschenk; und Gott freut sich daran, wenn sie sich entfalten, blühen und wachsen. Er vergisst auch keinen Menschen, sondern sieht jeden und jede an mit dem Blick eines liebenden Vaters. Es schmerzt ihn, wenn wir eins seiner Geschöpfe „vergessen“ wollen.

Darum ist Bildungsgerechtigkeit auch unsere zentrale Erwartung an das staatliche Schulsystem; jedem Kind soll die Möglichkeit eröffnet werden, die Gaben zu entfalten, die ihm gegeben sind. Es ist nicht gut, und es darf uns nicht ruhen lassen, dass im Freistaat Sachsen fast 9 % eines Jahrgangs nicht zu einem Schulabschluss geführt werden können. Das ist eine beschämende Zahl, ein Dokument des Versagens. Zuallererst, jedenfalls zu einem nicht geringen Teil, liegt darin eine Anfrage an die Eltern, ob sie ihrem Kind das gegeben haben, was nur sie – und kein Kindergarten, keine Schule – ihnen geben können; sie darf aber den Staat auf gar keinen Fall ruhen lassen, sein Handeln muss in jedem Fall darauf gerichtet sein, jedem Schüler und jeder Schülerin eine Perspektive für das Leben in der Welt der Erwachsenen zu eröffnen. Um des Einzelnen und der ihm oder ihr von Gott gegebenen Gaben willen; aber auch, weil jeder gebraucht wird! Jede Anstrengung lohnt sich, denn Gott gibt uns unsere Gaben ja nicht zum selbstsüchtigen Gebrauch, sondern damit wir sie in die Gemeinschaft einbringen und mit unseren Kräften und Möglichkeiten dazu beitragen, dass wir ein gutes Leben haben können. Was auch immer einen Menschen in seinen Möglichkeiten und Grenzen ausmacht – jeder wird gebraucht, und diese Aussage schließt auch die Menschen ein, die leistungsgemindert sind oder mit einer Behinderung leben.

Liebe Gemeinde,

im Glaubensbekenntnis bekennen wir die Kirche als die Gemeinschaft der Heiligen. Versteht sie sich als eine Gemeinschaft von Lernenden (R. Degen), so lobt sie damit ihren Gott, den Geber der guten Gaben, an denen wir uns freuen dürfen.

Amen.


 

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