Predigt am Karfreitag, 2. April 2010 in der Kreuzkirche Dresden
Wir sehen die Welt von der Versöhnung her
Predigttext: „Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.
Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2. Korinther 5, 14 – 21)
Liebe Gemeinde,
das Alte ist vergangen, Neues ist geworden, wir sind in Christus eine neue Kreatur, Botschafter an Christi statt: das sind wahrhaft große Worte, und sie haben ihre strahlende Kraft die Jahrhunderte hindurch nicht verloren, sie stehen für die Segnungen des Glaubens, mit denen wir Christenmenschen beschenkt werden. Oft haben wir sie gehört, und sie werden hoffentlich ihre Wirkung auch in diesem Gottesdienst entfalten…
Und dennoch - wer sie im Zusammenhang unseres alltäglichen Lebens hört, wird wohl nicht um die Frage herumkommen, ob es wirklich so ist. Ich bin eine neue Kreatur? Ob der Apostel Paulus nicht allzu vollmundig spricht von den Wirkungen der Taufe, des Glaubens?
Wer in der Lage ist, von Zeit zu Zeit gewissermaßen neben sich zu treten, die Position eines Beobachters einzunehmen, mit einem nüchternen Blick das eigene Leben zu betrachten, wer also zur Selbstkritik in der Lage ist, der wird wohl eher zu einem Ergebnis kommen, das mit den hochfliegenden Worten des Apostels nicht allzu viel zu tun hat. Wir sind allzumal Sünder, das ist eine Beschreibung, die im Mittelpunkt des theologischen Denkens Martin Luthers steht, und sie trifft sicherlich das, was wir sehen, wenn wir uns selbst mit dem Realismus betrachten, der jedem Christenmenschen wohl ansteht. Nichts Menschliches ist uns fremd – und das gilt nicht nur für das Helle, Lebensdienliche, sondern eben auch für die Dunkelheiten, das Widersprüchliche und Zweideutige, die Zumutungen, mit denen wir das Leben anderer belasten, das Verbogene, von dem unsere Person und unser Leben bestimmt wird. Ganz ähnliches wird sagen müssen, wer in der Gemeinschaft der Kirche lebt und auch nur etwas davon weiß, wie es in ihr zugehen kann; und da braucht man gar nicht an den schändlichen Missbrauch von Kindern in Schulen und Internaten zu denken. Es gibt allzu vieles, was mit den Worten des Apostels nicht in Übereinstimmung zu bringen ist und doch das Leben der Christen und der Kirche bestimmt – wir sind Sünder allzumal, das ist wahr.
So liegt die Frage nahe, ob der Apostel Paulus ein Illusionist war, dem der Überschwang den Blick auf die Realitäten verdunkelte? Davon kann nun aber gar keine Rede sein. Paulus war ein Mensch, dem das reale Leben stets vor Augen stand. Es ist unmöglich, seine Briefe zu lesen und zu übersehen, welche und wie schwerwiegende Konflikte das Leben der ersten Gemeinden durchzogen, wie auch der Apostel selbst immer wieder im Zentrum von Auseinandersetzungen stand, welche Anfragen sich an seine Person richteten, wie umstritten er und seine Auffassungen waren. In einem Schutzraum bewegte er sich nicht; und nicht nur die Gefährdungen der ersten Gemeinden durch Meinungsverschiedenheiten und Unverträglichkeiten waren stets gegenwärtig - auch die Mühsal seiner Reisen, die Verfolgung durch Gegner des neuen Glaubens und die Last seiner Krankheit musste er geduldig ertragen.
Wie also gehen die hochfliegenden Aussagen in dem Brief an die Korinther zusammen mit der Realität? Mit der Situation der Gemeinde, die doch zerstritten, gespalten war?
Liebe Gemeinde,
Paulus war in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlich begabter Mensch, und durch sein Wirken ist er zu einer zentralen Figur des christlichen Glaubens geworden und auch zu einer der wirkmächtigsten Figuren der Weltgeschichte überhaupt. Mit seinen Möglichkeiten wollte Paulus der Wahrheit dienen, zu der er gefunden hatte – der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Er hat sie sich nicht gesucht, sondern sie wurde ihm gegeben, er hat sie empfangen als ein Geschenk. Sie ist über ihn gekommen, er hat es so gesehen, dass niemand – wer immer er oder sie auch sei – gegen sie etwas ausrichten kann, sie setzt sich durch. Sie befreit den Menschen aus der Selbsttäuschung, er verdanke sein Leben sich selbst und könne ihm aus eigener Kraft einen bleibenden Sinn verleihen. Sie gründet das Menschenleben in der Wirklichkeit Gottes und somit in einer Macht, die das menschliche Maß, das Bruchstückhafte und allzeit Gefährdete, Schuld und Versagen übersteigt. Paulus beschreibt immer wieder, wie er von der göttlichen Wahrheit „ergriffen“ wurde, als sie ihm begegnete; und wie sie ihn veränderte, zu welchem Antrieb sie ihm wurde. Das Versöhnungsgeschehen in Christus stand im Mittelpunkt seines Denkens und Trachtens. Wir lesen: Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
Das Handeln Gottes in Jesus Christus setzte ihn in Bewegung, das ist der Kern seines Glaubens, dem er lebte und als Apostel diente. Die empfangene Versöhnung der Menschen mit Gott prägte ihn und seine Sicht der Welt.
Liebe Gemeinde,
seine veränderte Sichtweise ist die Erklärung für die hochfliegenden Worte des Apostels an die Korinther: das Alte ist vergangen, Neues ist geworden, wir sind in Christus eine neue Kreatur, Botschafter an Christi statt – so redet einer, der von Christus ergriffen ist, der verstanden hat, was es mit dem Kreuz und der Auferstehung Christi auf sich hat, welche verändernde Kraft ihnen innewohnt. Sie versöhnen das Getrennte, sie stiften Gemeinschaft mit Gott, sie machen den Unterschied zwischen denen, die sich eingerichtet haben in der Welt, wie sie ist, und denen, die auf Gott vertrauen und Christus nachfolgen. Paulus sieht die Welt von der Versöhnung her, sie ist ihm eine Wirklichkeit, vor der die Realitäten der Welt sich anders darstellen. Der Apostel sieht nicht nur das, was ihm begegnet, die Mühsal des Alltags, das Unerlöste, das Finstere, die kleinen und großen Konflikte: hinter all dem sieht er das Kreuz Christi, die Versöhnung, die schon geschehen ist, er glaubt dem Mann aus Nazareth seine Botschaft von dem Gottesreich, das angebrochen ist.
Die Versöhnung in Christus macht den Unterschied, sie ist das Gegenwicht zu der Last, die auf der Welt liegt. Und darum kann Paulus so reden, wie er redet: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
Der Glaube sieht die andere Wirklichkeit aus dem einen Grund: weil Gott sie uns schenkt – und darum wird sie auch die Realitäten der Welt verändern. Sie entfaltet ihre Wirkung, und wir bleiben nicht unverändert, so wie in dem Leben des Apostels Paulus ja durch seine Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus alles anders wurde. Martin Luther sagt, dass wir Sünder und Gerechte zugleich sind, wir bleiben die Person, die wir sind und dürfen doch erleben, wie durch die empfangene Versöhnung alles anders wird. Es wird Neues geschaffen, und wir haben Anteil am Versöhnungshandeln Gottes, es verändert unsere Sicht, unser Leben und auch unsere Person.
Darum dürfen wir, die wir das Kreuz Christi glauben, auch in die Bitte des Apostels einstimmen und rufen: Lasst euch versöhnen mit Gott!
Liebe Gemeinde,
diesen Ruf hat die Welt nötig, nicht anders als zu der Zeit, als Paulus seine Briefe nach Korinth schrieb. Wer sich an diesem Karfreitag in der Welt umsieht, der wird nicht über ihre Dunkelheiten hinwegsehen können; und wie sehr sich die Schöpfung nach Versöhnung sehnt. Gerade erst ist in der Moskauer U – Bahn ein verabscheuungswürdiges Verbrechen geschehen, das erneut den Blick auf den Kaukasus gelenkt hat – auf eine der vielen Regionen dieser Welt, die nicht zum Frieden finden können. Die Situation in Israel und Palästina ist verfahrener denn je, Iran strebt nach Atomwaffen, niemand weiß, ob Afghanistan je zum Frieden finden wird. Weltweit leiden Menschen unter den Auswirkungen der Finanzkrise; und während wir in unserem Land weitgehend unberührt geblieben sind, nur wenige ihren Arbeitsplatz verloren haben, sieht es schon in den ärmeren Ländern Europas ganz anders aus. In den Ländern der „Dritten Welt“ sind Millionen Menschen in Hunger und Not gestürzt – und die Gründe liegen uns klar vor Augen: es ist die verantwortungslose Jagd nach mehr und immer mehr Profit.
Liebe Gemeinde,
am Kreuz von Golgatha ist die Versöhnung geschehen, nach der die Welt sich sehnt. Christus ist für uns gestorben, damit wir versöhnt werden mit Gott; und damit wir als Versöhnte in Frieden miteinander leben können. Das ist die Botschaft dieses Tages, und wir wollen ihr dienen mit unserem ganzen Leben, in Wort und Tat. So ist der Karfreitag doch ein Tag der Hoffnung, auf Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen. Zuversichtlich sehen wir dem Tag der Ostern entgegen, an dem Gott seinen Sohn erhöhte. Wir glauben: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
Amen.


