Andacht zur Eröffnung des Zukunftskongresses zur Konfirmandenarbeit am 15. Januar 2010 in der Dreikönigskirche Dresden
... dass das Konzept nicht mehr trug ...
„Ich will Dich nicht verlassen, noch von Dir weichen“ (Josua 1, 5)
Liebe Schwestern und Brüder,
wer Josua am Übergang in das Gelobte Land sieht, wird wohl meinen, dass es dem Nachfolger bange werden könnte vor der Führungsaufgabe: Es ist eine unbekannte, offene Zukunft; er soll das störrige, verführbare Volk leiten, jeder weiß um das Charisma des Vorgängers Mose, einer monumentalen Figur. Es ist ein schwieriger Anfang.
Angesichts dieses Blicks auf die Person Josua erlaube ich mir einen persönlichen Einstieg: Mir wurde am Anfang meines Pfarrerlebens nicht bange, ich habe mich vielmehr kopfüber hineingestürzt. Das Konzept des Gemeindeaufbaus entstand um den Konfirmationsunterricht herum; dazu gehörte die Arbeit mit Kindern zur Vorbereitung der Konfirmationszeit, die Elternarbeit begleitete sie, der Aufbau einer Jungen Gemeinde folgte – so viele Möglichkeiten konnten nach langem, doch theoretischem Studium ergriffen werden; es war mir eine Freude.
Im Rückblick finde ich nach wie vor, dass für jeden Pfarrer der Konfirmationsunterricht etwas Zentrales ist, das besondere Chancen in sich trägt. Zuletzt wurde ich in der vergangenen Woche darin bestärkt, als ich mit dem Kirchenvorstand von Greifendorf (Kirchenbezirk Leisnig-Oschatz) zusammensaß. An einer Stelle des Gesprächs hieß es; wir sind die JG von 1980. Die Schwestern und Brüder hätten ja auch sagen können: die Konfirmanden von 1977.
Ganz ähnlich freut es mich auch, wenn ich eine Einladung zum „Veteranentreffen“ ehemaliger Konfirmanden aus meiner Zeit als Gemeindepfarrer erhalte. Es ist also gar keine Frage: Das konfirmierende Handeln ist eine Schlüsselaktivität der Kirche seit sehr langer Zeit, und alles deutet darauf hin, dass sie dieses auch bleibt. Das hat die aktuelle Studie zur Konfirmandenarbeit ja neuerlich hinreichend deutlich gezeigt – allerdings nicht nur was das Gelingen betrifft.
Noch einmal der biographische Rückgriff: Bange wurde mir aber dann doch, was meine Konfirmationsunterrichts-Praxis angeht. Es gab Zeiten der Frustration und der Ratlosigkeit. Ich musste die Entdeckung machen, dass das doch so bewährte und durchaus erfolgreiche Konzept nicht mehr trug. Dafür gab es Gründe: der wachsende Altersabstand zu den Konfis (als 26-jähriger Berufsanfänger im Pfarramt ist man nicht sehr weit von den Jugendlichen entfernt), die Veränderungen der Jugendkultur und der Erziehungsprozesse in Schule und Familie; von äußeren Veränderungen im Umfeld, z. B. was die Jahrgangsstärken oder auch die Gemeindesituation betrifft, ganz zu schweigen.
Das ging nicht nur mir so. Man wird sagen können, dass jeder Amtsbruder, jede Amtsschwester durchaus Vergleichbares erlebt. Wir stehen stets und zu jeder Zeit vor der Aufgabe, die eigene Praxis und die Konzeption der Arbeit immer wieder in Frage zu stellen, sie im Licht der jeweils aktuellen Situation zu überprüfen und ggf. zu verändern. Das ist nicht leicht und stellt eine große Herausforderung dar. Einfacher wäre es, wenn die Dinge blieben, wie sie sind. So ist es aber nicht – Gott sei`s geklagt, dass unsere Zeiten nun wirklich äußerst bewegt und schnelllebiger sind als die Zeit vor 30 Jahren.
Nochmals persönlich: Leider gab es in der Krise niemanden, mit dem ich hätte sprechen können – so erlebte ich es jedenfalls damals. Heute frage ich eher, ob es nicht doch so war, dass ich keine Hilfe wollte? Schwäche zu offenbaren fällt vielen nicht leicht, wir halten ja gerne an dem Schein fest, funktionieren zu können, weil wir meinen, es zu sollen…
Wie auch immer, jedenfalls ist es gut, dass es die Studie und heute diesen Kongress gibt. Denn jede Veränderung zum Besseren hin beginnt mit nüchterner Wahrnehmung des Vorfindlichen – und mit dem Gespräch unter denen, die in vergleichbarer Situation sind. Alle Veränderung braucht Unterstützung durch die Gemeinschaft.
Sie braucht auch Glauben. Josua bekommt eine Aufgabe; und wenn auch nichts über seine Sorgen oder seine Bangigkeit zu lesen ist – er bekommt am Anfang die Zusage der Gegenwart und der Hilfe Gottes. Wir hören: Gott hilft uns, die wir mitarbeiten an seinem Reich – er weicht nicht von unserer Seite.
Liebe Schwestern und Brüder,
das ist die Zusage, die wir brauchen. Wir vertrauen unserem Herrn, dass er uns nicht über unsere Kräfte hinaus beansprucht – und darum können wir den Veränderungen und den Dingen darin, die uns verwirren, frustrieren, herausfordern, in einer veränderten Haltung begegnen. Sie ist geprägt von dem Wissen um die Güte Gottes, die wir erfahren durften. Der Glaube verhilft uns zu einem Maß an Gelassenheit, das wir als Geschenk empfangen und uns befähigt, handlungsfähig zu bleiben. Seine Zusage hilft uns zuerst zu einem nüchternen Blick, zu einer angstfreien Wahrnehmung der Wirklichkeit. Damit beginnt jede Veränderung.
Es ist eine lebendige Erfahrung vieler Christen, dass die Dinge sich verändern und Sorgen leichter werden, wenn wir sie Gott anvertrauen.
Oft genug weiß Gott einen Weg für uns, wo wir keinen Ausweg finden. Der Glaube stärkt das Vertrauen in uns, er ist eine Kraft gegen die furchtsame Verzagtheit, die uns zu dem Irrtum führt, unser Mühen sei vergebens. Er hilft dem geängstigten Herz, schenkt Trost und neue Stärke. Man kann diese Erfahrung nicht in für alle gültige Formeln kleiden, jeder erlebt sie anders. Es ist aber eine Erfahrung, die alle Christenmenschen immer wieder machen dürfen, dass ihnen in einer schwierigen Lage plötzlich eine ungekannte Kraft zuwächst, dass Türen sich öffnen, die längst verschlossen zu sein schienen.
Mit der Zusage, dass Gott uns nicht allein lässt, gelingt es, den Veränderungen standzuhalten, neu anzufangen. Der Heilige Geist, der Tröster, verleiht uns Kraft, damit wir in den Herausforderungen bestehen und nicht unter den Lasten des Lebens zusammenbrechen. Es ist eine überaus persönliche Erfahrung darin, die sich nur dem ganz erschließt, der sie erlebt. Und doch stiftet sie Gemeinschaft – denn ich weiß ja, dass ich nicht der einzige bin, der sie macht, dass sie den Schwestern und Brüdern ebenfalls geschenkt wird.
Und gerade deshalb ist es doch möglich, dass wir das Gespräch suchen, einander Hilfe anbieten. Denn wir kommen ja von der gleichen Erfahrung her – im Schweren, Belastendem, wie im Guten, Hilfreichen.
Das gilt im privaten Leben – aber auch in unseren beruflichen Zusammenhängen in der Kirche. Das Versprechen Gottes, seine Zusage hilft dem Josua und auch uns, nicht bange zu werden; unserem Mühen um die Verkündigung der Frohen Botschaft ist der Heilige Geist verheißen! Er begleitet auch die eigene Praxis im Konfirmationsunterricht, die Mühsal, die damit verbunden ist und die Erfüllung, die wir darin finden.
Amen


