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Landeskirche

Weihnachtliche Vesper am 23. Dezember 2009, Dresden, Neumarkt

Die Friedliche Revolution und die Vision einer atomwaffenfreien Welt

Predigttext: 5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. (Jeremia 23, 5f.)

Liebe Gemeinde,

die friedliche Revolution war ein Höhepunkt in der Geschichte unseres Landes; und in diesem Herbst haben wir uns an die Ereignisse des denkwürdigen Jahres 1989 zurückerinnert. Hier, an diesem Ort, sprach Bundeskanzler Helmut Kohl wenige Tage vor Weihnachten zu einer unübersehbaren Menschenmenge. Es war für viele von uns der Moment, der die deutsche Einheit als eine reale Möglichkeit erscheinen ließ; und inzwischen wissen wir, dass es so auch gewesen ist. Es war der Tag, der zur Klarheit führte und das Ziel vor aller Augen stellte.
Immer noch staunen wir, dass schon 20 Jahre vergangen sind; und wie sich seither die Lebensverhältnisse in unserer Stadt und im ganzen Land verändert haben. Das wird nirgends sonst so deutlich wie hier, auf dem Neumarkt, vor der wiederaufgebauten Frauenkirche. Damals war die Ruine ein Ort der Sehnsucht, nach Frieden und der Hoffnung auf die Heilung des Versehrten. Noch wurde sie überragt von dem abweisenden Anbau des Polizeipräsidiums, Unkraut wucherte in der Mitte der Stadt, und der Blick reichte fast bis zum Hauptbahnhof mit seinen Narben. Seit der Weihe der Frauenkirche versammeln wir uns zum fünften Mal zu dieser Vesper – und in den Adventstagen ähnelte die Szene des Weihnachtsmarktes wieder den Bildern aus der Zeit vor der Zerstörung.
Wir erinnern uns auch, dass damals die Machtblöcke einander atomar gerüstet und feindselig gegenüberstanden; heute können wir in großer Dankbarkeit sagen, dass die Völker Europas, in Nord und Süd, Ost und West, ihre Zukunft gemeinsam gestalten. Wir leben im Frieden, und er ist nicht gefährdet, sondern sicher wie nie zuvor. Es ist so vieles gut geworden - und erst recht im Nachhinein man mag sich wundern, wie viele Bedingungen erfüllt sein mussten, dass es so kommen konnte.

Aber eine Zeit ohne Nöte ist auch diese nicht. Zu viele Menschen haben für sich keinen Anteil gefunden an der Entwicklung, die anderen zum Glück gereichte. Sie fanden keine Arbeit, und hörten nur die ernüchternde Botschaft, unter den neuen Verhältnissen nicht gebraucht zu werden. Neue Spaltungen zwischen arm und reich haben sich aufgetan; viele sehen keine Gerechtigkeit, nur Gesetze, die das mindeste regeln, jedoch kalt und unpersönlich. Andere waren gezwungen, die Heimat zu verlassen, zogen der Arbeit nach. Zu wenig Junge sind im Land geblieben, als dass wir ohne Sorgen in die Zukunft sehen könnten. Das Leben in der Freiheit bringt Versuchungen mit sich, die kaum als Gefahren zu erkennen sind; sie lassen auf den ersten schnellen Blick alles leicht erscheinen; und man kann unversehens in die Irre gehen. Das Ich überdeckt das Wir, die Liebesbeziehungen sind zerbrechlich geworden, man trennt sich schnell und verletzend. Geiz und Gier sind starke Antriebskräfte, und darüber nehmen viele das Materielle wichtiger als es ist; sie sehen nicht, wie es die Gemeinschaften schwächt, ohne die wir nicht leben können.

So wird es auch 2009 Weihnachten, wie es über die Jahrhunderte immer Weihnachten geworden ist – das Kind von Bethlehem ist in eine Welt geboren, in der Gutes und Böses nah beieinander wohnen; in der Menschen einander zum Leben helfen, sich aber auch im Weg stehen; Gott kam in eine Welt, die Freud und Leid, Scheitern und Erfüllung kennt.
Das Volk Israel hatte lange schon auf den Nachkommen des großen Königs David gewartet, der endlich Gerechtigkeit bringen würde. Die Hoffnung auf Heilung des Versehrten ist so alt wie die Geschichte Gottes mit den Menschen. Mit dieser Hoffnung leben auch wir. Sie kommt uns von dem Kind in der Krippe, in dem wir den Erlöser erkennen.
Die Botschaft der Engel am Anfang seines Lebens ist allen Menschen gesagt, sie kann die Welt verändern und will in die Herzen einziehen: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Mit diesen Worten wird es Weihnachten: wir Menschen sind nicht auf uns allein gestellt, wir müssen nicht meinen, es sei zwangsläufig, dass die Dunkelheit uns immer wieder überkommt, wir brauchen uns nicht abzufinden mit dem Zustand der Welt. Die Not der Menschen ist nicht das, was bleibt; die Herrschaft der Starken über die Schwachen hat nicht das letzte Wort; die Trennung der Schwachen von den Starken wird nicht bleiben. Gott wird das Zerrissene zusammenfügen, der Friede auf Erden ist sein Wille.

Liebe Gemeinde,
zu Weihnachten wird uns ein großes Geschenk gemacht. Wir dürfen hoffen auf Frieden und Gerechtigkeit, auf die Heilung des Versehrten. Wir setzen unsere Hoffnung auf Jesus Christus. Seit 2000 Jahren bezeugt die christliche Kirche, dass Jesus von Nazareth der Sohn Gottes ist, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. In ihm leuchtet der Welt ein Licht, das heller ist als alle Dunkelheiten. Es überstrahlt die Ichsucht, es funkelt durch Geiz und Gier hindurch, es kann nicht erstickt werden, auch nicht durch Macht oder Gewalttat. Christus ist das Licht der Welt, sein Leuchten durchdringt alle Begrenzungen des Menschenlebens. Es hilft gegen die unerfüllte Sehnsucht in den Herzen. Es wärmt die Seelen und stiftet an zu den Werken der Barmherzigkeit. Im Glauben können wir ergreifen, was Gott uns zugedacht hat und Jesus Christus möglich macht. Sein Leben gibt uns einen Eindruck davon, wie wir miteinander umgehen können und wie die Welt sich verändert, wenn wir Gott vertrauen. Wir können zu Friedensstiftern werden.
Davon gibt uns die Geschichte unserer Stadt Dresden in den letzten 20 Jahren eine Ahnung. Der Wiederaufbau der Frauenkirche im Geist der Versöhnung zeigte die alles verändernde Kraft, die der Friedenshoffnung innewohnt. Auch Präsident Obama hat sie besucht, und wir unterstützen seine Vision von einer atomwaffenfreien Welt. Darum fordern wir, dass die letzten verbliebenen Nuklearsprengköpfe endlich aus Deutschland abgezogen und vernichtet werden.

Liebe Gemeinde,
die Ankunft Christi auf Erden das größte Geschenk, das es geben kann. Sie lässt uns auf Frieden hoffen, sie ist das Geschenk Gottes an die Menschen. Wir sehen uns als Beschenkte. Dafür sind die Geschenke, die wir uns machen, ein Zeichen. Morgen beginnt das Fest, und ich wünsche uns allen, dass der Gottesfrieden unsere Häuser erleuchten und unsere Herzen anrühren möchte.
Amen.

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