Predigt zum Reformationstag am 31.10.2009 im Dom zu Meißen
Eine Ahnung von Gott in jedem Leben
Predigttext:
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. 12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind. (Matthäus 5, 2 - 12)
Liebe Gemeinde,
wie oft haben wir diese Worte gehört, und doch haben sie nicht ihren besonderen Klang verloren. Ihre unverwechselbare Tonfarbe schwingt in unseren Ohren, als wäre es das erste Mal. Sie vergehen nicht und sie verbrauchen sich nicht. Die Seligpreisungen sind das Wort, das Jesus Christus an uns richtet, und es ist staunenswert, wie es immer wieder unsere Herzen und Sinne öffnet. Es ist eine bestimmte Anrede darin, eine Melodie, eine Stimmung, eine Konzentration auf das, was für ein Menschenleben zählt. Eine Sprache, die in dieser Welt nirgends sonst zu hören ist, die ungewohnt, sogar fremd ist und die wir doch verstehen. Es ist ein Wort, das mein Leben verändert hat und dem die Kraft innewohnt, einen Menschen zu prägen, solange sein Leben währt.
Was für eine Kraft ist das, und woher kommt sie? Ob zu erklären ist, wie sie wirkt?
Da ist das Wort „selig“. Es kommt abständig daher, es wird nur selten gebraucht in der Alltagssprache unserer Zeit. Wann hört man schon sagen: Gott hab ihn selig, oder jemanden von der Glückseligkeit sprechen - wer redet so in diesen modernen, ständig auf Wechsel, auf Neues bedachten Zeiten? Die Ausleger des Neuen Testaments tun sich nicht leicht, Alternativen zu finden; einige der neueren Bibelausgaben versuchen sich in anderen Übersetzungen des griechischen Urtextes; dann heißt es: glücklich sind – aber glücklich kann man auch sein mit einer Anschaffung, dem Verlauf einer Begegnung, dem Gewinn eines Loses. Selig meint aber etwas anderes als eine flüchtige Stimmung.
„Freuen dürfen sich…“ versucht eine andere Übersetzung – aber es geht ja um etwas anderes als um die kleinen und großen Freuden des Alltags. Jesus bleibt nicht an der Oberfläche. Unter den vielen ausdrucksstarken Wörtern der deutschen Sprache gibt es wohl doch nur dieses für das, was Jesus meint. Selig … nennt er Menschen, und nichts deutet darauf hin, dass er besondere Menschen im Blick hatte. Es geht um alltägliche, gewöhnliche Menschen, selig werden solche genannt wie ich und du. Nichts außergewöhnliches ist an uns, wir kennen uns und wissen selbst am Besten, wie es um uns bestimmt ist, wie in uns Leichtes und Schweres durcheinander geht, wie nah Licht und Dunkelheit beieinander sind, wie rasch Gutes und Böses aufeinander folgen können. Zu beidem sind wir fähig.
Irdische Menschen sind gemeint: Leid tragende, um der Gerechtigkeit oder um Christi willen Verfolgte, solche die in Not sind. Andere werden genannt mit bestimmten Kennzeichen: die Barmherzigen, Menschen reinen Herzens, die Friedfertigen, die Sanftmütigen, nach Gerechtigkeit hungernde.
Liebe Gemeinde,
die Seligpreisungen wollen eine einfache Frage beantworten. Was aus der Welt wird, wenn Gott in sie kommt. Ob sie sich verändert. Was die Folgen sind der Gegenwart Gottes hier auf Erden, davon handeln die Seligpreisungen, wie die Welt heil werden kann. Wie wird es sein, wenn das Allerunwahrscheinlichste geschieht? Es ist eine Frage, die sich an jeden Menschen richtet. Ich weiß nicht, ob sie sich auch jeder stellt und versucht, seine Antwort zu finden, wahrscheinlich nicht. Viele Menschen haben Gott vergessen. Aber bestimmt ist es so, dass eine Ahnung von Gott in jedem Leben dann und wann auftaucht; und oft geschieht das in dem Moment, in dem es nicht erwartet wird.
Was geschieht, wenn wir diese Ahnung nicht beiseite schieben, und was wird anders, wenn wir Gott begegnen? Dann werden wir selig sein, und damit wir uns die Seligkeit vorstellen können, gibt Jesus den Seinen eine 9fache Beschreibung, und durch sie entsteht ein bestimmtes Bild vom Menschenleben. Wer die Seligpreisungen hört, empfängt eine Ahnung, wie wir leben können; was es braucht, damit es gut wird mit uns – und was nach Gottes Willen nicht sein soll.
Sie beginnen mit dem Himmelreich; und sie enden auch damit. Immer wieder hat Jesus zu den Menschen von dem Kommen des Gottesreiches gesprochen, und dass es Menschen offen steht. Ja, das ist zuerst und zuletzt wichtig: die Seligkeit auf Erden kommt von dem Reich Gottes, das uns verheißen ist und schon jetzt auf uns zukommt. Sie wird nicht gefunden zu den Bedingungen des Alltäglichen – sondern wir warten auf den Tag, der das Ende des Unfriedens und die Aufhebung der Not bringen wird; wir glauben, dass wir eines Tages werden sehen können, was wir erwarten und dass wir schauen dürfen, was uns verheißen ist. Das ist keine Vertröstung, denn in Jesus von Nazareth hat das Gottesreich bereits begonnen, in seinem Reden und Handeln auf Erden sehen wir, worauf wir hoffen.
Menschen haben auf ihn gehört, in seinen Worten haben sie die Anrede Gottes vernommen; zu einer Weite gefunden, die über die Enge der Tage hinausreicht; sie haben verstanden, dass sie sich selbst nicht genug sind, sondern mit ihren Gaben auf den Mitmenschen gewiesen sind. Sie entdeckten, dass wir einander zum Nächsten werden können. Sie haben gesehen, wie der Mann aus Nazareth die Kranken in ihrer Not sah, wie er sie heilte mit einer wunderbaren, jede Wirklichkeit verändernden Kraft. In ihm begegneten sie Gott; darum folgten sie ihm und vertrauten ihm. Ihnen sagt er die Seligpreisungen.
Die erste ragt unter ihnen heraus, denn sie gibt das Ziel vor. Sie handelt von dem Gottesreich und sagt es denen zu, die dem Geist nach arm sind.
Liebe Gemeinde,
das ist nicht leicht zu verstehen, denn damit sind ja nicht nur die im materiellen Sinn Armen angesprochen, nicht nur die Hungernden dieser Welt, deren Elend die gute Schöpfung Gottes entstellt. Sie sind gemeint, ihnen ist der Gottessohn in besonderer Weise nahe gekommen, seine Verheißungen gelten ihnen - aber es gibt eben noch eine andere Armut, die nicht nur zu tun hat mit Wohlstand oder Mangel, mit dem oben und dem unten in den menschlichen Gemeinschaften. Auch sie kann quälend sein. Es gibt eine Armut des Menschseins, die von der Schwäche kommt – und sie ist hier gemeint. Wir sind ja durchaus in der Lage, mit unseren Gaben und Kräften die Aufgaben anzupacken, vor die das Leben uns stellt; und es ist gut, die Erfahrung zu machen, dass wir vor ihnen bestehen können, zu sehen, dass unser Mühen Früchte trägt. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen unsere Kräfte nicht genug sind; in denen wir versagen und nur die Hoffnung auf Gott bleibt. Wenn einer an das Ende seiner Möglichkeiten gekommen ist, und kein Weg aus der eigenen Schwäche zu sehen ist, nicht aus der Not des Leibes, nicht aus dem Unvermögen des Geistes; und gar nicht anders kann, als sich ganz auf Gott zu verlassen, und sich in seiner ganzen Schwäche zu seinem Gott wendet, wirklich alles, Trost, Hilfe, Leben von ihm erwartet - dann wird ihm die Teilhabe am Reich Gottes verheißen.
Ja, zuerst werden selig jene genannt, die wissen, dass sie unmöglich sich selbst geben können, was ihre Schwäche heilen und ihre Sehnsucht stillen wird. Selig sind, die ihre Hoffnung auf den ganzen Reichtum richten, mit dem Gott die seinen beschenken will – die ihm um Christi willen das Kommen seines Reiches glauben. Der Reichtum des Gottesreiches kann die Armut des Leibes und des Geistes heilen, das ist die Frohe Botschaft, die Christus den Seinen sagt. Das Unwahrscheinlichste überhaupt wird hier ausgesprochen: „Die an Christus glauben, haben alles in Christus“ (J. Brenz); und dafür gibt es nur ein Wort – sie sind selig.
Liebe Gemeinde,
in den Seligpreisungen hören wir die Anrede Christi in großer Klarheit und mit lebensverändernder Kraft. Darum ging es der Reformation – sie wollte Gottes Wort in erneuerter Weise zum Sprechen bringen, sie wollte es von Überzeichnungen und Verstellungen befreien und das Zeugnis der Kirche so ausrichten, dass es den Menschen als ein Licht auf ihren Wegen leuchtet. Dabei vertraute Martin Luther ganz auf die Kraft, die dem Wort innewohnt, auf die Kraft des Heiligen Geistes. Sie schwingt unter den Worten der Seligpreisungen und gibt ihnen ihren besonderen Klang. So wurde die Kirche verändert, die Menschen, die in und mit ihr leben, und auch die Lebensweise in unserem Land. Die Kraft des Heiligen Geistes ist es auch, die uns, in ganz anderer Zeit, in dem Hören auf die Seligpreisungen begegnet. Auch wir leben in der Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches, und so ist uns der Reformationstag nicht ein Tag der Erinnerung, sondern der Aneignung. Denn wir wollen Christus groß machen unter den Menschen, damit sie zur Seligkeit finden.
Diesem Auftrag dient auch die Arbeit der Ev. Akademie, deren 60. Geburtstag wir heute feiern. Sie ist ein Ort für Fragen, für alle Menschen, die auf der Suche sind nach einer Wahrheit, die tragfähig ist in verwirrender Zeit. Wie wir zur Gerechtigkeit finden; was wir beitragen können zum Frieden; wie Christus den Menschen groß wird; wie das Böse gemieden und das Gute getan werden kann; was zur Versöhnung befreit, wie Sanftmut und Barmherzigkeit das Christenleben prägen können. Wie wir zur Seligkeit finden. So ist die Evangelische Akademie zugleich ein Ort der Hoffnung, denn es gibt Antworten auf unsere Fragen. Gott will sich finden lassen, damit wir selig werden.
Amen.


