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Landeskirche

Zentraler Pfarrertag am 9. September 2009, Leipzig, Thomaskirche

Predigttext: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Mt. 6, 33f.)

Liebe Gemeinde,

im Dresdner Norden spielt sich Unschönes ab. Lange Zeit war diese Gegend vor allem im Blick als das „silicon – saxony“, die deutsche Variante eines kalifornischen Mythos. Die erstaunliche Blüte der Chip – Industrie war die erste Adresse, wenn ein Journalist einmal nicht die übliche ostdeutsche Misere beschreiben wollte. In diesen Tagen sieht es anders aus; die Quimonda – Pleite hat viele ihrer Beschäftigten, die lange auf der Sonnenseite des Lebens zu finden waren, hart getroffen. Sie hatten gut verdient, Häuser für sich und ihre Kinder gebaut im Vertrauen auf einen sicheren und zukunftsfesten Arbeitsplatz. Den benötigen sie auch, um die aufgenommenen Darlehen bedienen zu können; dass ihre Planungen in dieser Weise gefährdet sein könnten, lag außerhalb der Vorstellung. Jetzt ist Sorge in die Häuser eingezogen, denn am Monatsende wird die Bank Zins und Tilgung abbuchen, während die Einnahmen nicht ausreichen und die Ersparnisse schrumpfen. Viele der Betroffenen haben sich in das Leben unserer Kirchgemeinden eingebracht, sich in Kirchenvorständen, in der Jugendarbeit oder für Kindergärten engagiert. Arbeitslosigkeit wird mit jedem Tag drückender, der keine Aussicht auf eine neue Beschäftigung bringt. Wie legt man ihnen aus Darum sorgt nicht für morgen? Billiger Trost kann nicht unsere Sache sein und würde niemandem helfen.
Schon gar nicht den jungen Männern, die keinen Platz in der Hochleistungsgesellschaft finden, deren Fähigkeiten nicht ausreichen, um in der Hetzjagd nach den zukunftsfesten Arbeitsplätzen bestehen zu können – und das auch wissen. Die Landtagswahl hat erneut gezeigt, dass viele von ihnen im Stimmzettel ein Mittel sehen, sich zu wehren gegen die Unfreiheit, die darin liegt, ein Leben mit Hartz IV führen zu müssen. Auf einem der Wahlplakate der neuen Nazis war – durchaus bezeichnend – zu lesen „Zukunft statt Arbeitsamt“. Werden wir ihnen sagen wollen: der morgige Tag wird für das Seine sorgen?
Um den Arbeitsplatz sorgen wir Pfarrerinnen und Pfarrer uns nicht. Ich habe es meiner Kirche immer hoch angerechnet, dass sie mir in der Ordination zugesagt hat, für mich zu sorgen, und staune, mit welcher Verlässlichkeit sie es tut. Das ist mir ein steter Grund zur Dankbarkeit, denn wie sollten wir an unserem Platz in der Mitte der Gesellschaft übersehen, dass kaum eine Sorge so elementar ist wie jene um den Arbeitsplatz. Ohne Sorgen sind aber auch wir nicht. Drücken können auch die Gedanken an die Kinder und ihre Probleme mit dem Eintritt in das Erwachsenenleben, die Erfahrung des Scheiterns in der Arbeit, die Erfolglosigkeit des Mühens um den Zusammenhalt der Gemeinde, oder die Hilflosigkeit angesichts ihres Schrumpfens.

Ja, Sorgen können ein lastendes Gewicht annehmen, und wer darum weiß, wird in den Worten Christi eine verlockende Leichtigkeit des Seins hören, die Verheißung einer Lebenshaltung, die der Anmut der Lilien auf dem Felde gleicht, dem freien Schwung der Vögel unter dem Blauen Himmel.
Was für eine Vorstellung, ein Leben ohne Sorge – aber wie sollte das, um alles in der Welt, gehen?
Denn wir sind ja begabt mit der Fähigkeit nach vorn zu sehen, wir können aus den Erfahrungen der Vergangenheit ein Urteil ableiten über die Gegenwart, wir wissen um das Kommen der Zukunft - und dass die Folgen unserer Taten uns einholen können, und manchmal sogar, dass sie uns ganz bestimmt nicht erspart bleiben werden. Oft genug wird der Gedanke an das Morgen uns zweifeln lassen, ob wir das Gute und Richtige getan haben und unser Herz beunruhigen. Und doch – man kann der Zukunft nicht ausweichen, und man kann sie nicht gestalten ohne das Wissen um das Gewicht der in ihr liegenden Aufgaben.
Auf den ersten Blick scheint es, als sei in diesen modernen Zeiten das Leben leichter, und weniger aufreibend geworden; aber die Risikogesellschaft ist ein komplexes Gebilde, und in der Krise erhalten wir ein deutlichen Eindruck von ihrer Zerbrechlichkeit. Es bleibt dabei: kein Menschenleben ohne Sorgen.

Ob Jesus das unterschätzt? …seht die Lilien auf dem Felde… Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit…der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Wie kann es gehen, dass sich eine solch elementare Gegebenheit verändert, und wir ohne Sorge sind?
Ich bin nicht wie eine Lilie auf dem Felde, und wenn ich auch ihre Anmut bewundere, die Schönheit des Geschaffenen bestaune, mich vor der Schöpfung verbeuge, die immer wieder aufs Neue beginnt – die Sorge bleibt doch ein steter Begleiter.

Liebe Gemeinde,
wir folgen unserem Herrn Jesus Christus nach, der ein Mensch war, wie wir es sind. Er zog hinauf nach Jerusalem, und auf seinen Wegen durch Galiläa und Judäa, in all seinem Reden und Handeln begegnete er einer Zukunft, die Leiden und Tod in sich trug.
Darum ist seine Mahnung, nicht dem Sorgen zu verfallen, nicht abstrakt, sondern lebens- und erfahrungsgesättigt. Der an das Kreuz ging, weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein und unterschätzt nicht den Grund der Sorge und nicht das Gewicht der Welt. Darum hören wir als Glaubende sein Wort in einer Haltung des Vertrauens und wollen uns der Botschaft gerade dann stellen, wenn sie unsere Erfahrungen in Frage stellt.

Trachtet… Darin liegt eine Aufforderung, die Zukunft in den Blick zu nehmen, sie nicht passiv zu erwarten, sondern ein Ziel anzustreben. Wer Christus hört, lebt nicht in den Tag hinein, sondern gestaltet das Morgen. Es ist dem Herrn nicht beliebig, wie wir mit der Gabe des Lebens umgehen, und er lehrt uns, die vielen Möglichkeiten zu sehen, die uns gegeben sind. Unsere Kräfte brauchen ein Ziel, auf das hin sie angespannt werden – damit sie sich nicht verlieren im Ungefähren oder im Beliebigen sich erschöpfen. Mit einem Ziel sollen wir leben, sagt der Herr den Seinen.

Trachtet zuerst… alles kommt auf das Ziel an, das es wert ist. Den Jüngern Christi kommt zuerst, vor allem anderen, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. In immer wieder neuen Gleichnissen hat Jesus von Nazareth beschrieben, wie es die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern kann, wenn sie es denn im Glauben ergreifen. Trachten wir nach seinem Reich, werden wir entdecken, dass es schon hier, unter uns begonnen hat, zu wachsen - und welche alles verändernde Kraft darin liegt. Das Gottesreich wird kommen, wir bereiten uns vor auf seine Ankunft; es ist das Ziel, um das es geht. 
Im Vaterunser beten wir, dass es kommen möge und sehen zugleich, dass es mit Jesus Christus schon begonnen hat. Er selbst ist das Zeichen. Vertrauen wir auf ihn, eröffnet sich eine neue, ganz andere Sichtweise und wir empfangen die Gaben, die nur Gott geben kann. Denn das Gottesreich können wir nicht planen, wie wir uns das Leben einrichten. Es kann nicht Gegenstand unserer Sorge sein, es ist vielmehr ein Geschenk an uns, das wir nur anzunehmen brauchen. Das Reich Gottes wird uns zufallen, wenn wir danach trachten, wenn wir glauben. Dann aber umfasst es die Realitäten unserer Welt und gibt ihnen ein anderes Gewicht, es entfaltet seine Wirkung, es tritt an die Stelle des Sorgens. Erstaunliches gibt es zu erleben, eine ungeahnte Frucht des Lebens in der Nachfolge zu entdecken: den Jüngern Jesu wird „das alles zufallen“, was soeben noch Gegenstand der Sorge war.


Es ist eine Frage, was wir zuerst in den Blick nehmen – nicht die Sorge um das, was kommen mag. Sondern das Reich Gottes, das kommen wird, und jetzt schon wächst unter uns.  Es geht unserem Herrn um die Haltung, die wir einnehmen. Wir richten uns auf, und heben den Blick zu ihm. Wir glauben, und sehen vertrauensvoll auf die Zukunft Gottes. Wir lassen den Blick nicht sinken, wir sorgen nicht, sondern hoffen – und gerade deswegen werden wir handlungsfähig, gestalten den Tag, auch seine Mühen. Wir vertrösten die Mühseligen und Sorgenbeladenen nicht, wir rufen sie zum Glauben.

Liebe Schwestern und Brüder,
diesen Ruf hat das Land auch nötig. Denn der Schleier der Sorge, der über unserer Zeit liegt, gefährdet die Zukunft. Es gibt in den Köpfen die Ahnung, dass vieles nicht so wird bleiben können, wie es ist; aber die damit verbundenen Sorgen sind so groß, dass die Parteien nicht wagen, darüber zu reden, schon gar nicht im Wahlkampf.
Das Klima verändert sich, und wir werden den Lebensstil des bedenkenlosen Konsumierens nicht in die Zukunft verlängern können. Wir wussten schon vor der Finanzkrise, dass wir über unsere Verhältnisse leben – jetzt meinen wir, uns mit nun exzessiver Verschuldung helfen zu können. Die Jagd nach dem schnellen Geld beginnt aufs neue, während längst tiefe Risse die Gesellschaft durchziehen. Wir erkennen die Unerbittlichkeit des demografischen Wandels, und wissen, dass er  die Lebenskräfte des Landes schwächen wird.Die Bundeswehr steht in einem Krieg, dessen Ziel unklar und dessen Ende nicht zuerkennen ist. Hinter all dem liegen Sorgen, für die es billigen Trost nicht geben kann. Wohl aber gibt es den Ruf zur Umkehr, zum Glauben, mit dem eine Haltung möglich wird, die auf das Kommen des Gottesreiches vertraut und so fähig wird zur Gestaltung der Zukunft.

Christus sagt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. ür diesen Ruf stehen wir Pfarrerinnen und Pfarrer. Gott segne den Weg, der aus dem Sorgen, zum Glauben führt. Amen.

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