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Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

Predigt von Landesbischof Bohl am 1. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2009 anlässlich des Domherrentages im Dom zu Wurzen

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.  Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren  und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.  Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.   (Lk.16,19-31)

Liebe Gemeinde,

„es ist eine große Kluft“ lesen wir, zwischen denen im Himmel und denen in der Hölle, die nicht zu überwinden ist. Sie entspricht dem Abstand zwischen den Armen und den Reichen, der das Gesicht unserer Welt bestimmt. Nacktes Elend und protzender Luxus sind gleichermaßen wirklich, und insbesondere in den Ländern des Südens stehen sie so unvermittelt nebeneinander, dass ihr Gegensatz zu einem anstößigen Skandal wird. Wer schon einmal in den Städten Indiens gesehen hat, wie auf der Straße gestorben wird und nach diesem Erleben in sein komfortables Hotel mit internationalem Standard zurückgekehrt ist, wird die Beispielgeschichte vom reichen Mann und armen Lazarus noch einmal mit anderen Augen lesen. Sie ist unverändert aktuell, in ihr geht es um das Elend der Armut und die Verantwortung der Reichen; wie man erkennen kann, was das eine mit dem anderen zu tun hat, und wie wir dem Willen Gottes entsprechen können.

2000 Jahre, nachdem der Evangelist Lukas dies aufgeschrieben hat, wissen wir viel um die Ursachen der Armut, stehen aber nach wie vor erschrocken vor der Tatsache, dass es nicht gelingt, die Güter gerecht zu verteilen. Weite Teile Afrikas, die Elendsgebiete der großen Metropolen Lateinamerikas und Asiens sind von erbärmlichen Verhältnissen bestimmt, während unerhörter Reichtum an anderen Orten ein leichtes Leben ermöglicht, wo man „alle Tage herrlich und in Freuden“ lebt. Die Schärfe der Gegensätze nimmt zu und nicht nur im weltweiten Maßstab. Auch in dem begrenzten Rahmen unseres Landes vertieft sich die Kluft  zwischen Wohlstand und Armut. Bestürzt müssen wir feststellen, dass viele Menschen keinen Anteil bekommen an den Möglichkeiten, die ein reiches Land seinen Bürgerinnen und Bürgern eröffnet; dass es Kinder und Jugendliche gibt, denen keine Chance auf Teilhabe eröffnet wird.

Gerade in diesen Tagen der weltumspannenden Finanzkrise haben wir allen Grund über die Fragen des Wirtschaftens neu nachzudenken. Es ist ja offenkundig, dass es die vielen kleinen Leute sein werden, die die Zeche für die gierigen Exzesse an den Finanzmärkten werden zahlen müssen. Die Jagd nach Reichtum und mehr Besitztümern hat nicht, wie manche verwirrte Geister meinten, dazu geführt, dass es allen besser geht – vielmehr hat sie die Not der Armen an vielen Orten der Welt noch verschärft. Darum müssen jetzt die Strukturen des Welthandels, die Gestalt des Wirtschaftens verändert werden. Wir modernen Gesellschaften wissen mehr als genug, wie Reichtum entsteht, von der Wirkungsweise der Märkte. – Wr dürfen uns aber nicht mit dem Skandal der Armut abfinden.

Nein, es ist in unseren Tagen nicht anders als zu der Zeit Jesu, als vor den Türen der Reichen Arme wie Lazarus begehrten, sich zu sättigen von den Resten ihrer Mahlzeiten. Darum ist es gut, genau hinzusehen und aufmerksam zu hören, wie Gott in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus uns anredet.

Wie sie einander begegnet sind, darüber wird nichts gesagt. Was sich vor der Tür der Villa abgespielt hat, ob es für Lazarus die Almosen gegeben hat, auf die er hoffte, wie es zwischen ihm und dem reichen Mann war, ob es Begegnungen oder gar ein Miteinander gegeben hat – es bleibt ungesagt. Nur: beide müssen sie, wie jeder Mensch, sterben, und damit verkehren sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil.

Der Reiche erleidet qualvoll das Höllenfeuer. Ob er darüber einsichtig geworden ist, seine Strafe akzeptiert? Er verlangt ja nicht, dass er die Hölle verlassen darf, ihm geht es lediglich um Linderung. Vielleicht in dem Sinne, dass Lazarus nun einen Dienst der Barmherzigkeit an ihm tut, etwas kühlendes Wasser nur erhofft er sich, das ist nicht viel verlangt; und würde vielleicht den Almosen entsprechen, die er Lazarus dann und wann von seinem Überfluss hatte zukommen lassen. Meint er, dass es nach dem Prinzip „wie du mir, so ich dir“ gehen sollte?

Aber es gibt für ihn keinen Ausweg, keine Hilfe, keine Erlösung, es bleibt ihm qualvolles Leid, die Kluft so tief, wie sie es auf Erden schon war, zu tief.

Dann eine Überraschung: Der Reiche besitzt doch ein mitfühlendes Herz. Wenn er schon für sich nichts zu hoffen hat, so sorgt er sich doch um seine Brüder. Er möchte sie warnen, dass sie ihr Leben ändern, es möchte ihnen nicht so gehen, wie es mit ihm geworden ist. Den Weg in die Hölle möchte er ihnen, die sie sich nicht anders in ihrem irdischen Leben verhalten, als er es getan hat, ersparen. Er hat Angst um sie, bittet für sie.

Damit, liebe Gemeinde,

sind wir bei dem Kern der Geschichte. Es geht hier nicht darum, wie es im Himmel ist oder in der Hölle, und ob der Himmel eine Wiedergutmachung für erlittenes Elend ist, sondern es geht um die Frage, ob wir nach den Geboten Gottes leben oder nicht.
Der reiche Mann hat gewusst, was das Gebot Gottes vorgibt, was Mose und die Propheten sagen zu der Verantwortung der Starken für die Schwachen und über Armut und Reichtum, er kannte die Schrift des Alten Testaments – aber er hat sich nicht daran gehalten, er hatte es nicht ernst genommen, es war ihm zu beschwerlich erschienen. Er hätte um den Anspruch Gottes an sein Leben wissen können, aber er war ihm ausgewichen. Jetzt sieht er zurück, und bereut, aber hat nicht vergessen, wie es gewesen war, wie wichtig ihm das Geld, der Wohlstand und die Annehmlichkeiten gewesen waren, wie blass und fern gegenüber all dem die Worte der Schrift erschienen…

In der Schrift zu lesen, was der Wille Gottes ist, das sei nicht genug, meint er nun, es bräuchte einen stärkeren Impuls, der nicht so leicht missachtet werden kann, es bräuchte ein Wunder, die Rückkehr eines Toten, dann würden seine Brüder wohl bereit sein, umzukehren, Verantwortung zu übernehmen, Buße zu tun. Das könnte nur ein Wunder wirken.

Dieses Wunder wird es nicht geben. Denn „hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde“.

Gegeben ist uns die Heilige Schrift, in der wir dem Wort Gottes für unser Leben begegnen, und seinem Willen. Damit ist es genug, sie weist uns den Weg, den wir vor Gott gehen können und sollen. Abraham sprach: „Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören“.

Und wir Christen werden hinzufügen, dass wir auf Jesus von Nazareth sehen, der das Liebesgebot bekräftigt und mit seinem Leben gezeigt hat, wie es gemeint ist, und wie es möglich ist, damit zu leben. Darum sagt der Apostel Paulus: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“. Ja, das Zeugnis der Heiligen Schrift ist eindeutig, die Gottes- und die Nächstenliebe gehören zusammen, sie dürfen nicht getrennt werden; wenn wir Gott, unseren Herrn, über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen, dann werden wir unseren Nächsten auch lieben wie uns selbst. Dann werden wir die Kluft zwischen arm und reich mit den Augen Gottes ansehen und in der Aufgabe, sie zu verringern, eine Bewährungsprobe der Liebe sehen, zu der wir berufen sind.

Diese Aufgabe ist jedem einzelnen gestellt; wo immer wir einem Menschen in Armut begegnen, sind wir an das Liebesgebot gewiesen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das hört sich nach einer Forderung an, der wir unmöglich gerecht werden können, nach einer Überforderung. Ich kleiner Mensch, und die Armut dieser Welt, oder auch nur die Not in unserer Stadt, wie sollte das gehen können?

Was Christus nicht von uns erwartet: dass wir das Schicksal eines jeden Menschen, der unter Armut leidet, mit dem eigenen verbinden. Wir können nicht die Armut, der wir begegnen, ganz allein aus der Welt schaffen. Als Christus den Seinen sagte, dass sie die Nackten kleiden sollen, hat er nicht gemeint, dass sie sich dazu selbst bis auf die Haut ausziehen sollen. Wohl aber hat er gemeint, dass wir uns vor der Not unseres Nächsten nicht abwenden dürfen, dass wir tun, was uns möglich ist. Dazu gibt es keine fertigen Rezepte, es wird abzuwägen sein; dabei wird unser Gewissen uns helfen, zu unterscheiden, was nötig und uns möglich ist – und welche Not wir nicht wenden können.

Eine Dauerspende für Brot für die Welt oder die Leipziger Mission hilft dem fernen Nächsten, ein Beitrag zu der Arbeit unserer Diakonie dem nahen. Es geht aber nicht nur um Geld, um Materielles, manch einem Armen kann eine beherzte Tat erst den Weg eröffnen, den er dann selbst gehen kann. Ich kenne eine Frau, die einem vernachlässigten, aber begabten Kind vom 1. bis zum 12. Schuljahr Tag für Tag bei den Hausaufgaben geholfen hat. Das war eine Befreiung aus Armut.

Manchmal werden wir auch gar nichts tun können, oder nur etwas Kleingeld in eine ausgestreckte Hand legen. Das mag ein Zeichen sein, dass unser Herz nicht erstarrt ist und wir Gott auch in einer solchen Situation hören.

Es ist eine große Kluft zwischen Arm und Reich. Wir hören darin die Anrede Gottes. Wenn wir ihm antworten, indem wir uns dem Nächsten zuwenden, nicht abwenden von seiner Not, so tun wir das nicht aus der Angst heraus, die der reiche Mann um seine Brüder hatte, sondern um Gottes Willen.

Amen.

 

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