Deutscher Seniorentag - Leipzig, 8.6.2009
Mk.4,30-34
30 Und er sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? 31 Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.
33 Und durch viele solche Gleichnisse sagte er ihnen das Wort so, wie sie es zu hören vermochten. 34 Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen; aber wenn sie allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus. 613
Liebe Gemeinde,
Gründe zum Staunen gibt es in unserer technisierten Welt viele; und täglich neue. Vor einigen Tagen habe ich diesen USB Speicherchip erworben, er fasst eine Datenmenge von 4 GB. Das bedeutet, dass ich alle Predigten, Andachten, Vorträge, Bibelarbeiten aus 11 Jahren Tätigkeit im Bischofsamt beim Eintritt in den Ruhestand in der Hosentasche (oder des Talars) werde mit nach Hause nehmen können. Kaum zu glauben, wenn ich daran denke, wie viele Stunden, Tage, Wochen ich damit zugebracht habe – und dann ein so winzig kleiner Gegenstand…
Gründe zum Staunen gab es für Menschen, die sich mit wacher Aufmerksamkeit in der Welt bewegen, zu allen Zeiten. Vielleicht haben Sie schon einmal eine Senfmühle besucht und gesehen wie winzig, ungewöhnlich klein das Senfkorn ist. Die Größe der Staude steht dazu in einem krassen Gegensatz. Das war zurzeit Jesu, in einer Umwelt, die nicht von der neuzeitlichen Naturwissenschaft geprägt war, ein viel beschriebener Grund zum Staunen. Von einem bekannten Rabbi erzählte man, er sei in seinem Garten auf eine Senfstaude gestiegen wie auf einen Feigenbaum. Darum war die Senfpflanze für Jesus von Nazareth ein sprechendes Bild, um das Verhältnis von verborgenem Potential und dessen Entfaltung in einer späteren Wirklichkeit zu thematisieren. Das Bild vom Senfkorn steht für die Erfahrung, dass aus kleinsten Anfängen großes, erstaunliches erwachsen kann.
So ist es auch mit dem Reich Gottes, von dessen Anbruch Jesus zu den Menschen sprach. Er hat immer wieder Bilder gesucht und gefunden, mit denen er den Menschen erklärte, was es damit auf sich hat.
Es ist ja etwas Ungreifbares darum. Von den Reichen dieser Welt wissen alle Menschen etwas zu erzählen, von ihrem Aufstieg und ihrem Niedergang, von der Machtentfaltung über kürzere oder längere Zeit – das Reich Gottes aber ist zunächst einmal eine fremde Größe. Darum redete Jesus zu den Menschen „wie sie es hören konnten“ (33), bildhaft. Wer sich auf seine Bilder einlässt, wird ihn verstehen: dieses Reich wird die umfassende, die ganz andere Wirklichkeit Gottes sein. Sein Reich entzieht sich der Vorläufigkeit des Erdenlebens und seiner Widersprüche, es ist der Gegenstand unserer Hoffnung. Am Ende der Zeit wird Gott Versöhnung stiften, Leid und Klage werden nicht mehr sein, nicht Hass und Feindschaft, nicht Unterdrückung und Ausbeutung. Gott wird Frieden schaffen, den Gottesfrieden, den wir nicht machen, nur empfangen können. Auf ihn richtete sich die Hoffnung Israels, des Gottesvolkes, von allem Anfang an.
Aber wie sollten wir heute, angesichts der Zerrissenheit der Welt - und unseres Verwobenseins darin - fassen können, was das Gottesreich sein wird? Wie sehr anders wird es doch sein, gemessen an allem, was uns im Hier und Jetzt beschäftigt und bindet…
Vom Gottesreich kann Jesus nur in Gleichnissen sprechen… von der selbstwachsenden Saat, vom verlorenen Sohn, vom Senfkorn.
Manche haben das nicht verstanden, oder wollten ihn nicht verstehen. Sie meinten, es ginge ihm um billige Vertröstung, er rede vom St. Nimmerleinstag, es käme aber doch darauf an, hier auf Erden schon die Dinge zu verändern.
Dabei übersahen, sie, dass das Gottesreich bereits in der Wirksamkeit Jesu heraufgezogen ist, denn Lahme gehen, Blinde sehen, die Frohe Botschaft wird den Armen verkündigt… längst hat es begonnen, noch ist es klein, es sind die Anfänge – aber es trägt ein Potential in sich, das staunen lässt. Aus diesen Anfängen wächst das ganz andere, immer Erhoffte - es ist schon wirklich, seht doch nur, wie es unter unseren Augen wächst! Denkt an das Senfkorn, glaubt, und ihr werdet Anteil daran bekommen!
Liebe Gemeinde des Seniorentags,
die Hoffnung auf das Reich Gottes lehrt uns einen veränderten Blick auf die Wirklichkeit unseres Lebens. Im Licht dieser Hoffnung, die wir glaubend empfangen, wird die Welt anders, als sie ist. In uns wird der Wille gestärkt, sich nicht abzufinden, Barmherzigkeit und Liebe werden möglich.
Die Hoffnung kann uns helfen, eine veränderte Einstellung zum Alter und einen erneuerten Blick auf den alten Menschen zu gewinnen. Dann werden wir nicht länger meinen, der letzte Lebensabschnitt sei eine Phase des Niedergangs, die ertragen werden müsse - vielmehr dürfen wir es lernen, den Blick auf die Potentiale des Alters zu richten. Wir entdecken, dass die Veränderungen, die es mit sich bringt, neue Möglichkeiten eröffnen; dass sie einen Reichtum des Menschenlebens in sich tragen, der in der Jugend nicht gefunden und nicht einmal gesehen werden kann. Das Alter kann zu einer Erfüllung des Menschseins werden, und dazu gehört die Freiheit, die eigenen Gaben zweckfrei entfalten zu können, dem Nutzendenken enthoben zu sein. Dazu gehören auch der Umgang mit dem Leid und die Vorbereitung auf den Tod, den wir als einen Teil des Lebens verstehen.
Die Hoffnung kann uns helfen, dass die Kunst des Lebens im Alter nicht aufhört, sondern erst zu ihrem Ziel kommt - und zu entdecken, dass es eine Kunst des Sterbens gibt. Älter werden zu dürfen ist ein Geschenk, in dem das Reich Gottes aufscheint.
Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.
Ja, es ist gesät, es hat begonnen, in diesem Leben scheint unter kleinen Anfängen die Wirklichkeit Gottes auf. Glauben, Hoffnung und Liebe werden wirklich. Wir Christenmenschen vertrauen darauf, dass wir Gott begegnen werden, und zur Fülle des Lebens finden.
Amen.


