Navigation überspringen

Forum

Hier ist Ihre Meinung gefragt. Reden Sie mit und tauschen Sie sich im Forum unter evangelisch.de mit anderen Menschen aus.

Chat

Kommen Sie ins Gespräch und finden Sie in unserem Chat neue Freunde!

Landeskirche

Bibelarbeit auf dem 32. Deutschen Ev. Kirchentag, Bremen 2009

„Mensch, wo bist du? Oder: Wie kam das Böse in die Welt?“ (Genesis 3)

Bibelarbeit Genesis 3, Kirchentag Bremen 2009 „Mensch, wo bist du? Oder: Wie kam das Böse in die Welt?“

Der Sündenfall
3,1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. 20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


Liebe Schwestern und Brüder,

die Geschichte vom Sündenfall ist ein Abschnitt aus der Heiligen Schrift, der zu den großen Erzählungen der Menschheit gehört. Groß wird eine Erzählung durch ihre Substanz, durch ihren Tiefgang - das ist der Grund, warum sie über lange Zeiträume wieder und wieder erzählt, gelesen, bedacht und ausgelegt wird. Ist eine Geschichte zu flach angelegt, wird sie vor dem Lauf der Zeit nicht bestehen können. Irgendwann werden ihre Aussagen nicht länger als plausibel erscheinen, man weiß zuerst nicht mehr so recht, was sie mit der Gegenwart und dem eigenen Leben, das in ganz anderer Zeit gelebt sein will, zu tun haben könnte, dann wenden sich die Blicke anderen Erklärungsversuchen zu, am Ende wird eine solche  Erzählung in Vergessenheit geraten.
Diese Geschichte hat Tiefgang, ihr geht es um die Frage, woher das Böse in der Welt kommt, um eine Menschheitsfrage. Sie ist fast 3000 Jahre alt, aber ungebrochen aktuell, und wir werden jedes Mal, wenn wir sie aufmerksam lesen und bedenken, etwas Neues in ihr entdecken. So jedenfalls geht es mir, über die Jahrzehnte hat sich mein Blick auf diesen Text immer wieder verändert, und ich denke nicht, dass ich jemals meinen werde, ihn in allem verstanden zu haben. Große Erzählungen halten Überraschungen bereit – um vorab schon einmal eine zu nennen: das Wort „Sünde“ kommt in der Erzählung vom Sündenfall nicht vor. - Sie hat zwei Teile: die Verführungssituation und der Griff zur Frucht; dann das Eingreifen Gottes

A
Es beginnt mit der Schlange, und die kirchliche Auslegung hat in ihr ein Bild für den Teufel gesehen, den Durcheinanderwerfer. Davon weiß die Erzählung nichts, im Gegenteil, hier ist die Schlange ein Geschöpf Gottes wie die anderen Tiere auch. Und doch ist sie ein gefährliches Tier, ihr Verhältnis zu den Menschen war schon im Garten Eden nicht paradiesisch. Zu einer Gefahr wird sie durch ihre List, sie sucht das Gespräch und stellt eine schlichte Frage: ist es wahr, dass es in diesem Garten, der doch so einen staunenswerten Reichtum, Überfluss gar, bereithält, Speiseverbote gibt? Dass ihr nicht von allen Bäumen die Früchte essen sollt? Ja, antwortet die Frau, es gibt einen verbotenen Baum, den dürfen wir nicht einmal berühren. Würden wir von seinen Früchten essen, müssten wir sterben, hat Gott gesagt. In dieser Antwort liegt eine Übertreibung, ein Berührungsverbot gab es tatsächlich nicht. Es scheint ein angstbesetztes Thema zu sein, die Frau mag den Namen des Baumes kaum gebrauchen, nicht daran rühren, das Verbot hat Abstand geschaffen. Vielleicht hat sie noch nicht einmal darüber nachgedacht, es zu brechen, jedenfalls hat sie es akzeptiert. Dabei fällt auf, dass sie von dem Baum „in der Mitte des Gartens“ spricht – er trägt aber einen Namen, der allerdings nicht ihr, sondern dem Mann gesagt worden war: „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“. Die Frau hatte nur mittelbare Kenntnis, was sie wusste, hatte sie von ihrem Gefährten erfahren. Vielleicht ist das der Grund, warum die Schlange in ihrer List sich an die Frau wendet?
Unter den wenigen Worten der Schlange ist ein Gespinst aus Widerspruch und Verlockung, ein beträchtliches Maß an Raffinesse: ach was, ihr ängstigt euch ohne Grund, ihr werdet nicht sterben, sondern etwas ganz anderes wird geschehen: ihr werdet sein wie Gott! Es wird für euch eine großartige Erfahrung sein, zu wissen, was er weiß - hinter seinem Verbot steckt nichts anderes als die Eifersucht Gottes, der Gott bleiben will und es nicht bleiben kann, wenn andere sehen, was er sieht, oder können, was nur er kann. Stell dir doch nur einmal vor, lockt die Schlange - ihr werdet Gut und Böse unterscheiden können!
Ist das eigentlich ein reizvolles Angebot, eine Attraktion? Wer es nicht unterscheiden kann, wird weder wissen, dass es das eine, noch das andere gibt…Und tatsächlich, die Frau gibt nicht zu erkennen, dass sie sein möchte wie Gott, oder dass sie sich sehnt, das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. Trotzdem zeigt die Raffinesse der Schlange Wirkung; wenn auch das sein wollen wie Gott keine Rolle zu spielen scheint. Aber sehr wohl anderes: die Schönheit der Frucht reizt sie, und klug zu sein. Wissen und Genuss waren und sind Bestandteile jeder Versuchung, da hat sich nicht viel geändert.

Es war im Garten Eden, wie es auch heute und überall auf der Welt ist: wir werden auf eine Möglichkeit aufmerksam gemacht, die uns selbst noch gar nicht in den Blick gekommen ist, etwas Unscheinbares, das wir nur am Rande wahrgenommen haben, gewinnt unversehens an Bedeutung, die darin liegende Möglichkeit gefällt uns, wir schlagen einen Weg ein, von dem wir kurz zuvor noch nicht einmal wussten, dass es ihn gibt. Die Menschen sind verführbar. Nur jemand, der gewissermaßen abgeschlossen von der Welt nur mit sich allein lebte, wäre nicht zu verführen – aber wer wollte so leben?
Übrigens, hier war es die Frau – ob die Frauen leichter zu verführen sind als die Männer? Das ist eine interessante Frage, über die ich schon oft nachgedacht habe, allerdings ohne es sagen zu können; ich bin keine Frau. Gewiss bin ich aber: Menschen sind verführbar und Verführer zugleich, sie werden verführt, sie verführen andere – niemand ist nur das eine oder das andere. Und insofern geschah nichts besonderes, als die Frau Lust an der Klugheit fand, und an der Frucht des Baumes. Verführt werden auch wir moderne Menschen, und verführen einander. Übrigens gar nicht so selten zu unserem Glück. Hat die junge Frau, die ich dann geheiratet habe, mich verführt – oder war es so, dass ich sie verführt habe, mich anzusehen? Das ist nicht so leicht zu sagen, nicht einmal aus dem Abstand von 37 Jahren, und nachdem man nicht nur einmal darüber gesprochen hat. Verführung geschieht fortwährend, ein ganzer Wirtschaftszweig beschäftigt sich damit, die Werbung ist eine Verführungsindustrie, und die Schuldnerberatungsstellen der Diakonie kümmern sich um ihre Opfer.  Die Finanzkrise zeigt, dass der Ruf des schnellen und leichten Geldes sehr viele verführt hat, nicht nur einige wenige ganz weit oben waren gierig. Die Folgen sind böse und überall auf der Erde zu spüren, und besonders für die Schwachen.
Jede Verführung hat eine Voraussetzung: es muss eine Versuchung darin liegen, ein attraktives Angebot, die Möglichkeit, das Wissen zu erweitern, unbekanntes zu entdecken, Lust zu genießen, den Besitz zu mehren.
Solchen Versuchungen begegnen wir, wir sind verführbar - wir sind aber auch entscheidungsfähig. Die Frau musste nicht die Frucht nehmen, gezwungen war sie nicht. Sie hatte die Freiheit, eine Entscheidung zu treffen. Sie hätte die Versuchung abweisen, standhaft bleiben können. Übrigens, von einer Verführung des Mannes durch die Frau ist keine Rede, das Bild von der lockenden Eva hat keine Grundlage im Text. Vielmehr sehen wir die beiden als eine enge Gemeinschaft, sie essen zusammen, sie gibt selbstverständlich, er nimmt, sie genießen. Nicht übersehen sollten wir, dass der Mann das Verbot aus erster Hand kannte. Zu zweit tut man Verbotenes vielleicht leichter. Jedenfalls: beide entscheiden sich, der Versuchung nachzugeben. Sie tun es.

Damit nehmen die Ereignisse ihren Lauf und es werden sich 4 Fragen stellen, auf die man als Leser der Erzählung gern eine Antwort hätte.
Die 1. Frage: Hat Gott die Menschen überfordert? Hat er sie etwa in eine Situation gestellt, in der sie gar nicht bestehen konnten? War von allem Anfang klar, dass es so ausgehen musste und gar nicht anders kommen konnte?
Daran ist richtig, dass Adam, zu deutsch der Mensch und mit ihm die Frau, sie wird ihren Namen erst später bekommen, von Anfang an gefährdet sind. Die Schlange ist so geschaffen, dass sie eine Bedrohung darstellt, sie ist listig. Die Menschen wiederum können wählen zwischen zwei Möglichkeiten, sie können sich an das Verbot halten, es ist ihnen aber auch gegeben, es zu übertreten: sie sind in einen Raum der Freiheit gestellt. So war es im Garten Eden, in dem auch die listige Schlange lebte. 
Offensichtlich wäre es Gott lieber gewesen, sie hätten von der Freiheit der Überschreitung des Gebots keinen Gebrauch gemacht. Sein Gebot gibt er den Menschen, damit sie bewahrt werden vor dem Bösen und leben können. Darum ist es mit einer Strafe bewehrt: „denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben“ (Gen.2,17). Stärker kann ein Verbot nicht eingeschärft werden. Es soll Angst auslösen, und wir hatten ja schon bemerkt, dass es ein angstbesetztes Thema für die Frau ist.  Angst lähmt, macht klein und darum ist es gut, Hilfen gegen sie zu kennen, wie es das Wort Christi aus Johannes 16 ist: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“.
Angst ist aber nicht nur negativ, sie wird manchmal gebraucht, damit wir uns nicht ahnungslos oder leichtfertig in Situationen begeben, die bedrohlich sind. Angst ist ja auch ein Signal, das uns vor heraufziehenden Gefahren warnt. Der Grund für die Strafandrohung war also, so verstehe ich es, dass Gott der Freiheit der Menschen eine bewahrende Grenze setzen wollte, dass er ihnen die gefährlichen Auswirkungen der Freiheit gerne erspart hätte. Denn viele, sehr viele Nöte des Menschenlebens in dieser Welt beginnen mit der Freiheit, dies zu tun und jenes zu lassen. Diese Welt, in der wir als Freie leben können, ist ein gefährlicher Ort – weil unsere Entscheidungen nicht immer so sind, dass sie dem Leben dienen; viel zu oft beschwören sie Gefahren herauf oder dienen gar dem Bösen. In diesem Jahr erinnern wir uns nicht nur der Erarbeitung des Grundgesetzes und der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949, des Mauerfalls 40 Jahre später, glückliche Momente in der Geschichte unseres Volkes, sondern denken auch zurück an den Beginn des Krieges vor 70 Jahren; das war ein Verbrechen, zu dem man sich entschieden hatte.
Hier lesen wir: frei zu sein zur Entscheidung ist ein Merkmal des Menschenlebens von allem Anfang an. Die Frau musste nicht der Versuchung erliegen, Adam musste nicht das Gebot übertreten, von dem Baum der Erkenntnis zu essen. Sie entschieden sich. Sie hätten anders entscheiden können. Eine Überforderung kann ich darin nicht sehen, sondern eine Beschreibung des Menschseins. Was wäre mit uns, wenn wir nicht entscheiden könnten, sondern bewusstlos getriebene wären, von unseren Gelüsten, oder den physiologischen Vorgängen im Gehirn, oder von was auch immer? Was wären wir ohne die Freiheit der Entscheidung - ob man ein solches Wesen einen Menschen nennen könnte? Dazu später mehr.

Die 2. Frage: konnten der Mann und die Frau wissen, dass es nicht gut ist, das Verbot Gottes zu missachten, konnten sie wissen, was die Folge sein würde?
Eine Abschätzung der Folgen ihres Tuns haben sie jedenfalls nicht vorgenommen, konnten sie wohl auch nicht. Dass sich etwas entscheidend verändert hatte, dass es anders geworden war mit ihnen durch den Genuss der Frucht, erkannten sie erst, nachdem sie das Gebot übertreten hatten. Dann aber bestimmt.
Sie stellen fest, dass sie nackt sind, was sie nicht gewusst hatten, sie sehen sich jetzt mit einem anderen Blick. Sie waren unbefangen, ganz bei sich, im Einklang mit ihrem Selbst und der Umwelt. Jetzt aber wird der Blick schamhaft, sie möchten nicht so gesehen werden, wie sie sich sehen. Sie haben ihre Unbefangenheit verloren, es hat sich eine Veränderung der Selbstwahrnehmung vollzogen. Nicht nur entdeckten sie nach dem Genuss der Frucht ihre Geschlechtlichkeit - es geht vor allem um die Scham, die nach einem Abstand zu den anderen verlangt, nach einem Schutz vor ihrem Blick. Sie fürchten sich, misstrauen einander, sie sehen sich angesichts des Gegenübers als Verletzliche. Von diesem Moment an ist ihr Weltverhältnis ein anderes geworden, das Urvertrauen, unschuldiges eins-sein mit sich ist verloren. Darum bedecken sie sich, es ist ein Moment der Erkenntnis. Sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Die Geschichte geht weiter, die Androhung der Strafe hatte in der Situation der Versuchung nicht das Tun gehindert, die Angst war verblasst, jetzt kehrt sie zurück.
Die Reaktion der beiden ist von ihr gezeichnet, die Tatsache, verbotenes getan zu haben, dringt in das Bewusstsein vor, die Lust an der Frucht hat nur sehr kurze Zeit angehalten, der Geschmack war flüchtig – schnell kommt die Angst vor der Strafe, sie verstecken sich unter den Bäumen des Gartens. Sie bedauern, was sie getan haben, und werden sich nicht sehr behaglich gefühlt haben unter den Bäumen…Der angekündigten Strafe entgehen zu wollen, indem man versucht, sich unsichtbar zu machen – so tun es Kinder. Davon, dass die beiden zu dem stehen, was sie getan haben, kann keine Rede sein. Sie sind weder verstockt, noch haben sie eine eigene Meinung, die sich von der Gottes unterscheiden würde (nach dem Motto: es war unser gutes Recht, zu tun, was wir taten), noch hadern sie mit dem, was ihnen zugemutet wurde, noch vermuten sie, klug geworden zu sein. Man möchte sagen: sie sind ertappte Sünder, und zwar solche, die der Verantwortung ausweichen wollen. Das Wort „Sünde“ kommt nicht vor: und doch steht uns jetzt ein Element vor Augen, das sie kennzeichnet: in einen Raum der Freiheit gestellt zu sein, wählen zu können – und Böses heraufzubeschwören, die Folgen tragen zu müssen.


B
Um die Folgen geht es im zweiten Teil der Erzählung. Die beiden bleiben nicht ungesehen in ihrem Versteck, der Versuch, auszuweichen, scheitert und mit ihm der Wunsch, nicht verantwortlich zu sein. Sie werden gerufen, „Mensch, wo bist Du“? (V.9) Diesem Ruf können sie nicht ausweichen. Sie sind verantwortlich für ihr Tun, und als solche sieht Gott sie an.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich halte das Kirchentagsmotto für eine gute Wahl. Noch kürzer kann man nicht von der Freiheit und von der Verantwortung der Freien handeln. 4 Wörter nur, 4 Silben – wer sie in ihrem Zusammenhang hört, der weiß etwas von der großen Gabe der Freiheit, ohne die es kein Leben geben kann, das es verdient, ein Menschenleben genannt zu werden. Der wird zugleich aber auch daran erinnert, dass ein Mensch verantwortlich ist für sein Tun und lassen und nichts davon beliebig ist, nicht das tun, nicht das lassen. Der Anrede Gottes kann man nicht ausweichen.
In unserer Gegenwart haben sich die menschlichen Möglichkeiten der Weltgestaltung in staunenswerter Weise erweitert, vieles von dem, das wir heute unternehmen, war lange undenkbar und hätte noch vor relativ kurzer Zeit als eine Überschreitung des menschlichen Maßes gegolten. Darüber ist die Verantwortung für die Folgen der Entscheidungen größer geworden.
Das allerdings ist nicht immer allen klar, manchmal kann man den Eindruck haben, dass getan wird, was möglich ist – und es keine Bereitschaft gibt, die Konsequenzen zu tragen. Die Frage „Mensch, wo bist Du?“ ist aber in der Welt, und man kann sich nicht vor ihr verstecken, nicht unter den Bäumen im Garten Eden; und auch nicht unter Hinweis auf Notwendigkeiten, die sich aus den Zwängen und der komplexen Gestalt des modernen Lebens ergeben. Wer sein Leben als ein Geschenk Gottes sieht, ihm seine Freiheit dankt, weiß sich ihm verantwortlich und wird eine bestimmte Haltung einnehmen. Die Anrede Gottes zielt auf die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Tun und lassen - und die Folgen - zu übernehmen. Das wollen wir Christen tun in dem Bewusstsein, auf Vergebung angewiesen zu sein und Vergebung empfangen zu können.
  
In unserer Geschichte beginnt nun ein Gespräch, das den Charakter eines Rechtsgeschehens trägt. Es gibt einen Richter und vor ihm Angeklagte, die wenig Argumente haben. Ihre Versuche, sich zu erklären, sind halbherzig und stellen den Versuch dar, die Situation der Versuchung zu beschönigen, vor allem aber, die Verantwortung auf andere zu schieben – nicht ich war es, sondern die Schlange, nicht ich, sondern die Frau. Das Band der Solidarität zwischen beiden ist zerrissen, besser dass es sie trifft als mich. Der Versuch verfängt nicht, doch immerhin ist schnell klar, dass sie nicht sterben werden, von der angedrohten Todesstrafe ist keine Rede mehr, der Erhaltungswille Gottes ist ungebrochen. Gott hilft, auch in dieser Situation, da sein Gebot missachtet wurde, er lässt sich auf die von den Menschen veränderte Situation ein. –
Allerdings: die drei Beteiligten, also auch die Schlange, werden gerichtet, sie hören je ihr Urteil; und diese erklären, was wir in der Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens in ihr vorfinden. Wir hören von der Feindschaft zur Schlange, von dem Ursprung des jähen, gewaltsamen Todes, von der Mühsal bei der Arbeit, von dem Schmerz der Geburt.
Da ist zuerst die Schlange, sie wird verflucht und die Formulierung lässt erkennen, dass der Erzähler sie als eine gequälte Kreatur sieht, vielleicht schwingt sogar ein Moment des Mitleids mit. Dieses Tier ist anders als die anderen, es kann sich nicht erheben, und offensichtlich ist dem Erzähler unklar, wie es sich ernährt. Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.  (V.14) Eine gequälte Kreatur.
Die Schlange selbst kommt nicht zu Wort, sie wird nicht angehört, sie ist ja kein Mensch und nicht in der Lage, eine freie Entscheidung zu treffen. Sie war schon am Anfang der Erzählung gefährlich, und jetzt ist sie nicht mehr nur listig – von nun an wird sie eine jederzeit gegenwärtige Lebensgefahr für die Menschen sein. Wir lesen, du wirst ihn in die Ferse stechen. (V.15) Sie kann den Menschen schnell und still bedrohlich werden und davon wird wohl jeder eine Ahnung haben, der sich im Orient schon einmal in seinen Schlafsack eingehüllt hat: was, wenn eine Giftschlange im Schlaf eindringen sollte…. Ein unangenehmer Gedanke, den man, da es ja kaum etwas gibt, was man tun könnte, von sich zu schieben versucht.  Die Schlange selbst aber muss nun jederzeit damit rechnen, zertreten zu werden. Es geht zwischen den Menschen und der Giftschlange um Leben und Tod. Es wird keinen Frieden geben, auch nicht über die Folge der Generationen hinweg, tötet man die eine Schlange, wird die nächste da sein. Niemals wird Friede sein; und in diesem Verhältnis von Mensch zu Tier wird deutlich, dass es nun eine Spannung gibt, die nicht aufgehoben werden kann. Jetzt ist Kampf, dauerhafter Unfriede, ständige Bedrohung, etwas Böses ist in die Welt gekommen. Es ist ein entscheidender Moment. ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. (V.15)

Die beiden Menschen werden nicht verflucht, anders als die Schlange. Der Frau wird gesagt, dass sie unter Schmerzen die Kinder zur Welt bringen wird. Erst jetzt bekommt sie ihren Namen, Eva, d.h. Mutter der Lebenden. Sie bringt neues Leben zur Welt, und darin liegt zuallererst eine Hilfe Gottes, er wendet sich nicht ab, sein Erhaltungswille begleitet die Menschen. So wird Eva in der Folge der Generationen das Leben weitergeben; das aber bereitet den Frauen Schmerz, ist nicht möglich ohne Mühsal, es ist mit dem Verlust eigener Lebenskraft verbunden, die dem Kind zugute kommt.
Es folgen die Worte, die viel bedacht und zitiert wurden, doch ein Geheimnis eigener Art darstellen: dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Ich verstehe es nicht so, dass hier die Überordnung des einen Geschlechts über das andere festgeschrieben ist. Sicherlich steht im Hintergrund die patriarchalische Rollenverteilung der Gesellschaft, in der vor 3000 Jahren diese Geschichte entstand, aber diese wird man nicht als eine gottgewollte Vorgabe für alle Zeiten anzusehen haben. Nein, hier geht es um die Anziehungskraft, die das eine Geschlecht auf das andere ausübt, um das sexuelle Begehren, das es nicht zulässt, mit sich allein zu bleiben – und um die Tatsache, dass es auch (nicht nur, aber auch) auf die Weitergabe des Lebens zielt, auf Empfängnis und Geburt.  Das Begehren kann für den Mann ohne Folgen bleiben, für die Frau nicht; und in diesem Zusammenhang wird man ein Moment der Abhängigkeit sehen; aber dann eben im selben Moment auch die Notwendigkeit der Verantwortung des Mannes. Sie konnte in einer patriarchalischen Lebensform nicht anders als durch Herrschaft gedacht werden – der Herrscher hatte die Verantwortung für die Seinen zu tragen. Das hat sich geändert, wir verstehen die Geschlechter als gleichberechtigt, und auch als gleichwertig, und Verantwortung nehmen wir unter Gleichen wahr, nicht von oben herab. Wenn sich auch so sehr viel im Verhältnis der Geschlechter geändert hat, so ist doch der Zusammenhang von Begehren, Zeugung und Geburt und die unterschiedlichen Weisen des Betroffenseins der Männer und der Frauen von ihm nicht aus der Welt, auch nicht durch die modernen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung.

Der Richter wendet sich dem Mann zu; auch die Arbeit ist kein Fluch, im Gegenteil. Sie kann einem Menschen, und darauf hat Martin Luther mit als erster aufmerksam gemacht, zur Berufung werden, so dass sie dem Leben Sinn geben und eine Quelle von Zufriedenheit werden kann, dass sie die Tage ausfüllt, die menschliche Gemeinschaft stärkt und bereichert. Wer das Vergnügen kennt, eine Arbeit gut getan zu haben; wer weiß, wie die Freude an dem Ergebnis des eigenen Tuns sich anfühlt, wird nicht hadern mit der Zeit, die darüber vergangen ist; und das gilt nicht nur für die Ackerbauern, die der Erzähler im Auge hat, weil sie seine Lebensweise bestimmten. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. 
Die Arbeit ist kein Fluch, aber sie ist belastet vom Gewicht der Welt. Sie geht nicht immer leicht von der Hand, obwohl es gut ist, dass es diese Leichtigkeit auch gibt. Aber sie kann quälenden Charakter annehmen, und das gilt für viele Formen von Arbeit. Es gibt die harte Arbeit, die Kraft kostet, obwohl sie empörend schlecht bezahlt wird, die Arbeit in ausbeuterischen Strukturen, das ungesicherte, gefährdete Leben der modernen Tagelöhner. Aber eine Qual kann auch das weiße Blatt auf dem Schreibtisch der Schriftstellerin sein, die Verantwortung des Geschäftsführers für die Arbeitsplätze, das Mikroskop im Reinstraum der Chipfabrik, die vielen Irrwege auf der jahrzehntelangen Suche des Wissenschaftlers nach der Bestätigung seiner Theorie. Ohne Arbeit aber können wir nicht leben, nicht von den oft kargen Böden Palästinas, ganz bestimmt nicht in der Kälte des Winters in der nördlichen Hemisphäre, und nicht einmal in der wuchernden Fruchtbarkeit der Tropen. Ohne Arbeit werden die Menschen, zerbrechlich und gefährdet wie sie sind, nicht überleben – und darin liegt eine Not, denn Mühsal ist untrennbar mit ihr verbunden. Ein Fluch ist sie aber nicht.

Die Geschichte geht weiter. Die Menschen werden gekleidet, und darin liegt wiederum eine Hilfe Gottes. Er kleidet sie mit Fellen, damit sie in dieser, jetzt so unwirtlich gewordenen Welt überleben können – ein Schutz gegen Kälte und Verletzungen der Haut. Damit beginnt die Kultivierung des Lebens, die Vorsorge gegen die Risiken in einer Welt, in der das Leben gefährdet ist und es darauf ankommt, in Herausforderungen zu bestehen. Welches Maß an Sicherheit wir genießen in unserer Zeit, durch die Herrschaft des Rechts, die sozialen Sicherungen, Unfallrettung, das Gesundheitssystem; welchen Reichtum des kulturellen Lebens, Musik, Bilder, Bauten – es ist zum Staunen. Begonnen hat der Prozess der Kultivierung mit Fellkleidung.

Der nächste Satz hat es dann in sich, denn jetzt fasst Gott zusammen, was anders geworden ist durch das Essen der Frucht, nach der Übertretung seines Gebots, wir hören sein Resümee: Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. (22)
Das ist die Folge der Übertretung des Gebots; und sie zieht eine Veränderung nach sich. Der Raum der Freiheit, den es schon am Anfang des Menschenlebens im Garten Eden gab, hat sich erweitert durch Erkenntnis, um ein Wissen von den Folgen des eigenen Tuns und Lassens, und um die Verschiedenheit der Dinge. Jetzt ist es eine Große Freiheit geworden, nun leben die Menschen mit der Aufgabe, Gut und Böse zu unterscheiden. Das ist keine kleine Sache, man kann nicht hoch genug von ihr denken, diese Aufgabe ist niemals beendet. Wer meint, sie überschauen zu können, ihr gewachsen zu sein, sie eines Tages erledigt haben zu können, gibt sich einer Illusion hin. Es ist kein Tag im Menschenleben, an dem sie sich nicht stellt, denn immer wieder, ohne Unterlass stehen wir vor Entscheidungen: im großen und im kleinen; in vertrauter Nähe wie anonymer Distanz; in wichtigen, die ganze Gesellschaft bewegenden Konflikten, aber auch angesichts scheinbarer Geringfügigkeiten –  wir müssen uns entscheiden, ob wir dieses tun, jenes lassen. Unentwegt stehen wir vor der Frage nach dem Guten und dem Bösen. Sie ist nicht leicht zu beantworten, nicht selten schwanken wir schon in der Beurteilung der Situation, es gelingt nicht, all das in den Blick zu nehmen, was berücksichtigt werden müsste. Es gibt ganz unterschiedliche Stimmen, einige raten zu, andere aber warnen. Und wir wissen ja auch, dass wir irren können. Wie oft haben wir im Nachhinein erkannt, dass wir falsch lagen, dass es besser gewesen wäre, anders zu entscheiden…Dennoch: wir sind fähig zur Entscheidung, und wir sind frei in ihr. Du stellst unsere Füße auf weiten Raum, heißt es in Psalm 31,9. Zur Hilfe, zur Orientierung in diesem Raum der großen Freiheit sind uns die Zehn Gebote gegeben, ein Geländer, an dem wir uns halten können. Sie bezeichnen das Böse, das wir meiden und das Gute, das wir tun sollen – im Verhältnis zu Gott und den Menschen. 
Die Menschen waren nach Gottes Bild geschaffen, hatte es in Gen. 1,27 geheißen. Ihre Gottebenbildlichkeit haben sie durch das Essen der Frucht des Baumes nicht verloren; sie wird ihnen nicht aberkannt - aber jetzt ist sie um ein zentrales Merkmal erweitert. Das Wissen um Gut und Böse verlangt danach, das Leben zu gestalten in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen – ich sehe es so, dass damit der Raum der Freiheit beschrieben ist, in dem wir unser Leben verantworten, auch wir im 21. Jahrhundert. Dazu die 3. Frage: wäre das Leben lebenswert, wenn es ohne die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse gelebt werden müsste? Haben die Menschen überhaupt einen Verlust erlitten? War es vor dem Griff zur Frucht des Baumes der Erkenntnis wirklich besser? War es ein Paradies im Garten Eden?
An dieser Frage ist die Erzählung nicht interessiert. Ihr Interesse liegt darin, zu erklären, wie die Dinge so wurden, wie sie in der menschlichen Lebenswirklichkeit sind. Darum ist diese dritte Frage eine unbeantwortbare Frage, man könnte nur spekulieren. 
Was den vorherigen Zustand betrifft, so genügt es zu hören, dass Adam und Eva im Garten gelebt haben, und nichts darauf hindeutete, dass sie irgendetwas entbehrt hätten. Wir aber, die wir den weiten Raum der großen Freiheit kennen, seine Möglichkeiten erkunden, glückliche Entdeckungen in ihm machen, unsere Freiheit genießen und nicht missen möchten – aber auch die Risiken kennen, um die Möglichkeit des Scheiterns wissen und oft genug erschrecken angesichts der Folgen unseres Tuns, unsere Entscheidungen nicht selten bereuen, wünschten, sie rückgängig machen zu können…Wir können fragen, wie es wäre, wenn wir nicht frei wären?

In den letzten Jahren hat die Erforschung des menschlichen Gehirns große Fortschritte gemacht. Man weiß, welche Regionen im Gehirn bestimmten Handlungen oder Vorgängen zuzuordnen sind; in Experimenten ist es möglich geworden, zu zeigen, was im Kopf passiert, um ein Beispiel zu geben, wenn ich beschließe, einen Schluck Wasser zu trinken. Manche Hirnforscher sind darüber zu der Auffassung gekommen, dass es einen freien Willen nicht geben könne. Es sei unmöglich, zu erklären, wie das Tun und Lassen eines Menschen zustande kommen. Denn das Bewusstsein oder der Wille könne im Gehirn nicht lokalisiert werden, und darum gebe es keinen Grund zu der Annahme, dass es das eine oder das andere geben könne. Zu beobachten gebe es nichts anderes als elektrische Impulse im Gehirn, das Feuern der Synapsen, wie sie es nennen, und das setze unerklärlicherweise bereits ein, bevor der Mensch die Hand nach dem Wasserglas ausstrecke.
Diese Forscher wissen vielleicht nicht, dass die Frage nach der Willensfreiheit von gelehrten Köpfen seit Jahrtausenden diskutiert wird, und in jeder nur denkbaren Konstellation. Und sie ahnen nicht, dass es Wahrheiten gibt, die sich dem forschenden Zugriff der beschreibenden Wissenschaften entziehen. Unsere Erzählung sagt, dass die Menschen frei sind zur Unterscheidung von Gut und Böse und verantwortlich für die Folgen ihrer Entscheidungen und dass diese Fähigkeit zu ihrer Gottebenbildlichkeit gehört. Also ist es gut, um gut und böse zu wissen; und es wäre schlimm, wir hätten die Freiheit nicht, die zu diesem Wissen gehört.Die Geschichte zeigt ja, wie weit die Gottebenbildlichkeit reicht. Sie reicht sehr weit, so weit, dass die Menschen entscheidend beteiligt sind an dem Werden der Welt, in der wir leben. Es ist so geworden, wie es ist, weil der Mann und die Frau gehandelt haben. Sie sind nicht nur Objekt dessen, was Gott mit ihnen anstellt. Vielmehr sind Göttliches und Menschliches Handeln so sehr ineinander verschränkt, dass die Verantwortung für das Geschehen nicht einem von beiden allein zugeschrieben werden kann.

Zu der 4. Frage, mit der ich begonnen hatte. Das Wort Sünde ist nicht vorgekommen in der Erzählung vom Sündenfall, auch bei aufmerksamem Lesen haben wir es nicht entdeckt. Was ist denn nun die Sünde, und wo kommt sie her?
Sie kam nicht von einem Moment auf den anderen. Dieses, das 3 . Kapitel der Genesis erklärt, wie es begonnen hat mit dem Einbruch des Bösen, dass die Menschen um Gut und Böse wissen, und wie es dazu kam, wie die Gebotsüberschreitung die schöpfungsgemäßen Zustände verändert hat. Sie erzählt, dass es jetzt eine immerwährende Aufgabe für die Menschen gibt – sie haben die Freiheit der Entscheidung, und den Auftrag sie zu bewähren; sie sollen das Leben gestalten in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.
Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Sie hat ja gerade erst angefangen, sie endet erst im 11. Kapitel, mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel, und in ihrem Weitergehen wird deutlich werden, dass die Menschen niemals sicher sein können vor dem Bösen. Wir werden lesen, wie es Macht über sie gewinnt. In die Welt gekommen ist es durch einen Akt des Ungehorsams. Adam und Eva taten, was sie nicht hätten tun sollen, sie handelten gegen den Willen Gottes, sie aßen von dem Baum der Erkenntnis. Von dem Moment an gab es auch das Böse in ihrem Leben. Zum Menschsein gehört die Auseinandersetzung mit dem Bösen.
Das Gebet Christi, das Vater Unser verdeutlicht diesen Zusammenhang in der kürzestmöglichen Weise: „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Zwischen beiden Bitten ist nicht einmal Platz für einen Atemzug. „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.
Es gibt die Versuchung, Böses zu tun. Und wir erliegen ihr. Der Verantwortung, die uns Menschen zukommt, werden wir nicht gerecht. Wir können vor dem Gesetz Gottes nicht bestehen, wir erliegen der Versuchung, verführen, werden verführt, treffen verhängnisvolle Entscheidungen, wir tun Böses, weil wir dem Bösen verhaftet sind - und das nennen wir Sünde.
 
Im nächsten Kapitel wird dann erzählt werden, wie es zu dem Mord Kains an Abel kommt, und da taucht das Wort Sünde zum ersten mal auf, im Zusammenhang der Warnung, die Kain erhält vor seiner Tat. Die Leser werden erschrecken, wie die Bosheit zunimmt, es fällt der Satz dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, es folgt die Erzählung von der Sintflut und am Ende vom Turmbau zu Babel. Das Böse kommt nicht mit einem einzigen Ereignis über die Menschheit, vielmehr nimmt es in einer Ereignisfolge zu. Davon berichten im 1. Buch Mose die Kapitel 2 (ab V.4b) bis 11; hier, im 3. Kapitel beginnt alles. Wer die ganze Geschichte gelesen hat, wird verstanden haben, dass auf dieser Erde nie nur friedliches Zusammenleben sein wird. Es ist unser Glück, dass es heiles, versöhntes Leben gibt, Lachen, Genuss, Verstehen, Vertrauen – aber es ist stets eine Bedrohung um uns; das Böse, und die Versuchung, ihm zu erliegen. Menschliches Zusammenleben ist stets gefährdet, durch die Menschen selbst. Das kennzeichnet ihr Sein in der Welt, das nennen wir Sünde.
Zugleich bezeugt die Erzählung, dass Gottes Wille zur Erhaltung ungebrochen bleibt in all dem; und immer wieder spricht sie von dem, was Gott gegen das Überhandnehmen der Sünde unternimmt. Er wird eingreifen, um die Menschen vor den verderblichen Folgen ihrer Taten zu bewahren. Wie ja schon bis hierher - die Todesstrafe wurde nicht vollzogen, Generationen werden Adam und Eva folgen und das Leben weitergeben, Vorsorge wird getroffen gegen die Gefahren, das Menschenleben kultiviert.

Zum Schluss werden wir noch daran erinnert, dass es einen zweiten Baum in dem Garten gibt, den Baum des Lebens. Von dessen Früchten sollen die Menschen auf gar keinen Fall essen, diese Freiheit wird ihnen verwehrt, ganz und gar werden wie Gott sollen sie nicht, und darum müssen sie den Garten verlassen. Der Weg zu diesem Baum, zur Unsterblichkeit, wird verstellt und schwer bewacht.
Gott ist ewig, aber das Menschenleben hat seine Grenze, wir sind sterblich und bleiben es auch. Wir hörten: „denn du bist Erde und sollst zu Erde werden“. Die Freiheit, dies zu ändern, gibt es nicht, und darin erkennen wir wiederum eher eine Hilfe denn eine Strafe, es ist eine Vorsichtsmassnahme, um zu verhindern, dass der Mensch den Abstand zu Gott gänzlich einebnet. Damit sind wir am Ende dieses Abschnitts der Urgeschichte.

Vielleicht geht es Ihnen, nachdem wir dies alles gehört und bedacht haben, ähnlich wie mir? Ich empfinde sehr stark, dass die Erzählung eine Tendenz in sich trägt, die den Leser nach einer Hoffnung fragen lässt: es kann doch damit nicht alles gesagt sein…wird es für alle Zeit so sein, dass das Böse mächtig bleibt, gar weiter anwächst; und Gottes helfendes Handeln lediglich das Schlimmste verhindert?
Die Hoffnung ist im Judentum eine andere als für uns Christen, bezeichnend ist aber, dass es sowohl im alten als auch im neuen Bund um Erlösung geht; wir beten mit Christus zu unserem Vater „sondern erlöse uns von dem Bösen“.
In unseren Gottesdiensten gehört die Geschichte zum Sonntag Invokavit, das ist der erste Sonntag der Fastenzeit. Sie soll uns also anleiten, unser Leben im Licht der Anrede Gottes zu  bedenken, sie will uns helfen zur Selbsterkenntnis, zu sehen, wie es wirklich ist mit uns. „Mensch, wo bist Du?“ Wir entdecken, dass wir Sünder sind. - Aber zugleich werden wir vorbereitet auf Ostern, ermutigt, auf Christus zu hoffen. Der Apostel Paulus sagt im Römerbrief (5,18), dass am Anfang die Sünde in die Welt kam und mächtig ist, dass wir aber darauf vertrauen dürfen, dass in Christus durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen (ist), die zum Leben führt.
In Christus sehen wir das Ebenbild Gottes und erkennen, wie wir als Menschen sein sollten – und es eröffnet sich im Glauben an den Auferstandenen eine Möglichkeit der Veränderung. Vertrauen wir auf ihn, so sind wir nicht nur Sünder. Sondern zugleich gerecht vor Gott.


 

 

 

 

 

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps