18. November 2009
Was unter der glänzenden Oberfläche liegt – Bußtagspredigt des Landesbischofs
Vom Feigenbaum und der Notwendigkeit von Umkehr und Neuanfang

Landesbischof Jochen Bohl
DRESDEN – „Wenn wir Christenmenschen von Buße reden, geht es um die Infragestellung der eigenen Person“, sagte Landesbischof Jochen Bohl in seiner Predigt am Buß- und Bettag in der Dresdner Kreuzkirche. Der Gedanke der Buße sei vielmehr getragen von einem tiefen Vertrauen in die Veränderbarkeit des Menschen. Bohl bezog sich auf das biblische Gleichnis Jesu vom Gärtner, der einen nach drei Jahren immer noch unfruchtbaren Feigenbaum nicht umhaute, weil er weiter auf das Anschlagen des Baumes hoffte. „Dieser Gärtner vollbringt eine erstaunliche Leistung – er sieht ab von der Oberfläche, er richtet den Blick auf sich und seine Anteile an der unguten Situation“, hob der Landesbischof dessen eigene Verantwortung hervor.
Im Gegensatz dazu würden gegenwärtige Erscheinungsbilder von Personen, Unternehmen und Institutionen in der „Spaßgesellschaft“ mit den geglätteten Oberflächen die Blicke bewusst in unverfängliche Bahnen lenken. Zudem sei für die allermeisten Menschen Buße „das Gegenteil eines Trends, ein abständiger Restbestand vergangener Zeiten“, stellt Bohl ohne Illusion fest. Im großen Unheil der Finanz- und Wirtschaftskrise hätte man lernen müssen, dass sie für viele, kleine Menschen an vielen Orten böse Folgen nach sich zog. Die Finanzindustrie „stand von einem Moment auf den anderen nackt und bloß vor aller Augen da“, so Bohl. Trotzdem würde das Geschäft danach nicht anders betrieben als zuvor. „Von Buße war keine Rede, nichts zu hören“, sagte er.
Letztlich gehe es trotz des Systems nicht nur um die Strukturen, sondern immer auch um die „personale Dimension der Verantwortung“. Der Landesbischof forderte ein aus den Erfahrungen der Finanzkrise gemachtes und angepasstes Regelwerk „mit Augenmass und Vernunft“. Buße brauche man nicht unbedingt feiertags, „wohl aber in den entscheidenden Momenten unseres Lebens“, sagte er. „Das Gleichnis vom Feigenbaum erzählte Jesus, um deutlich zu machen, was es mit der Notwendigkeit der Umkehr und der Ermöglichung des Neuanfangs auf sich hat.“
Gott hätte Freude daran, wo Menschen sich nicht zufrieden geben würden mit dem Offensichtlichen. „Wir Christen finden uns nicht ab mit dem Absehbaren“, sagte der Landesbischof zum Ende der Predigt.
- Buß- und Bettag in Sachsen
MDR-Beitrag mit Landesbischof Jochen Bohl


